woman/mOther: Zwei Personen fotografieren sich neben einer Filmkamera in rotem Licht, beide blicken in die Kamera.

woman/mOther: Frau ist nicht gleich Mutter

Klara Harden begleitete mit der Kamera Künstlerin Mara. Ihr mitreißender Film „woman/mOther“ startete jetzt im Kino – wir sprachen mit dem Duo.

8 Min.

© Klara Harden

Wieder Bewegung. Endlich wieder tanzen. Das Kinderzimmer verlassen. Mara schwingt unerschrocken an einem Seil zwischen hohen Bäumen, Klara filmt. Nach einer babybedingten Durststrecke wollen die Freundinnen wieder ein gemeinsames Projekt verwirklichen. Eine Performance im Wald soll es werden; die Sprachnachrichten, die sie sich schicken, vibrieren vor Euphorie. Bis eine unerwartete Message folgt. Tanz­pädagogin und Künstlerin Mara ist wieder schwanger, geplant war das nicht.

Die Filmemacherin Klara Harden spürt fast so etwas wie Wut hochkommen, gesteht sie im Interview. Sie ist aber auch diejenige, die nicht aufgibt, die die Freundin mitzieht – so erzählt es Mara Turner –, um das gemeinsame Vorhaben neu auszurichten. Die beschriebenen Szenen entstammen dem Dokumentarfilm „woman/mOther“, der behutsam, ehrlich, kritisch und auch mal pointiert heutige Mutterschaft reflektiert, ambivalenten Gefühlen einen Raum gibt – und zudem wunderschön fürs Auge ist.

Die Frauen kennen einander seit der Schulzeit in der Steiermark. „Wir waren von Anfang an emotional connected“, beschreibt Mara Turner. Klara Harden spielt im Laientheater, macht während des Informationsdesign-Studiums in Graz den ersten Kurzfilm über ihre Island-Wanderung und studiert später an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin.

woman/mOther: Filmplakat zeigt eine Frau mit kurzem dunklem Haar, die ein Baby auf dem Arm hält, Blick zur Seite gerichtet.
woman/mOther. Regie, Buch, Kamera: Klara Harden; Stab: Alex, Ezra, Laszlo, Oma, Opa, Klara.
Aktuelle Kinovorführungen unter allesklara.com © Klara Harden

Ihre Freundin beginnt früh mit dem Tanzen; weil ihr Papa Hallenwart ist, eröffnen sich ihr große Bewegungsräume. Sie absolviert später in Wien das Studium für zeitgenössische Tanzpädagogik – und führt mit Freunden auch ein Lokal, bis sie das erste Mal Mama wird und mit Familie aufs Land zieht. Die Freundinnen bleiben verbunden – emotional und kreativ. Immer wieder machen sie gemeinsam Videos.

Als sie dieses Mal im Wald loslegen, markiert das für beide einen wichtigen Neuanfang: Klara sehnt sich für ihren Abschlussfilm nach spielerischer Leichtigkeit, Mara wünscht sich nach den Karenzjahren wieder ein eigenes Projekt.

woman/mOther: Drei Erwachsene machen ein Selfie im Wald, tragen Outdoor-Kleidung und lächeln in die Kamera.
Filmemacherin Klara Harden (oben Mitte), Tänzerin Mara Turner und ihr Mann Alex. © Klara Harden

Plötzlich war alles anders. Was hat dich motiviert dranzubleiben?

Klara: Wir hatten die ersten Bilder im Wald gemacht, als Mara sagte, dass sie schwanger ist und wir das Projekt so nicht zu Ende bringen können. – Ich hatte das zuletzt mehrmals erlebt, dass Frauen Kinder bekommen haben und wie aus der Kunstwelt „rausgesaugt“ wurden. Studienkolleginnen sagten, dass sie nie Kinder kriegen werden, Professorinnen erzählten, dass sie Schwangerschaften geheim hielten, tolle Kamera­frauen und Regisseurinnen entschieden auszusteigen – oder wurden „ausgestiegen“. Ich hab’ mir gedacht: Es kann nicht schon wieder etwas verschwinden!

Wie seid ihr mit der neuen Situation umgegangen?

Mara: Sobald man Kinder hat, richtet das Umfeld den Fokus fast zur Gänze auf sie. Aber Klara hat mich nie aus den Augen verloren. Ich hab’ gewusst, dass ich bei ihr einen Breakdown haben kann. Sie hat mir zugehört, mich getröstet – und dann gesagt: „Wieso aufhören?!“ Es ist viel Kraft von Klara gekommen.
Klara: Ich wollte Mara wieder in der Leichtigkeit, im kreativen Ausdruck sehen, da war also auch Egoismus dahinter (lacht).

Mein Studium war auf einem ganz hohen Niveau; es wurden Präzision, Perfektionismus, Geniemythos propagiert. Dagegen wollte ich mich auch wehren. Es war der Versuch, mir selber die Freiheit zu geben, zu schauen, was ich gerade machen kann. Dann hatte ich auch noch Long Covid, Teile der Dreharbeiten waren noch in diesen Erschöpfungszuständen und Mara hat oft hochschwanger das Stativ für mich getragen. So ergab sich eine Art Parallele: dass der Körper Dinge macht, die man nicht beeinflussen kann.

Der Wald spielt eine wichtige Rolle im Film. Wieso?

Mara: Der Wald war immer unser Thema, auch zum Reden sind wir immer gerne durch den Wald spaziert. Klara hat einmal schön gesagt: Der Wirkungsraum einer Mutter ist am Anfang vom Radius her nicht sonderlich groß. Der Wald war auch eine Möglichkeit, mein Kind hinzusetzen, es hat gespielt, und für mich bot das mehr Raum für Bewegung als daheim im Zimmer.

„woman/mOther“ – was steckt für euch im Titel?

Klara: Es gibt zwei große Narrative von Mutterschaft: die heilige Mutter, die ihre Kinder liebt und glücklich ist, wenn sie sie nur ansieht, und die unglückliche Frau, die Mutterschaft nicht versteht und es falsch macht. Ich finde beides inkorrekt – dazwischen gibt’s alles und man kann mehrere Dinge gleichzeitig sein. Mutterschaft ist eine krasse Verwandlung, wo viel losgelassen werden muss. Aber es gibt sehr wenig Platz für Frauen, das Alte zu betrauern.

Mara: Mit dem Titel habe ich mich gesehen gefühlt. Es geht um einen Übergangsprozess von Frau zu Mutter, aber man bleibt trotzdem noch immer Frau.

woman/mOther: Porträt einer Frau mit lockigem Haar und neutralem Ausdruck vor hellem Hintergrund.
© Klara Harden

Wir müssen über unsere Gefühle sprechen und am System rütteln – auch als Väter.
Klara Harden, Dokumentarfilmerin

Eine wunderschöne Szene ist dein Tanz im Latex-Body …

Mara: Ich liebe diese Szene, ich habe mich dabei so wohl gefühlt. Es war, als ob ich mich mit meinem Körper da in diese Wurzel hi­neingießen würde. In dem Latex-Teil hat sich mein Bauch gut angefühlt, meine Brüste haben den Body fast gesprengt. Man kann auch schwanger sexy und edgy sein – und das auch ausleben.

Die Kamera begleitet dich auch in sehr privaten Szenen, beispielsweise bei einem Konflikt mit deinem älteren Sohn. Wie fühlt sich für dich der Kinostart an?

Mara: Wir haben immer alles sehr gut abgesprochen. Es ist aufregend, dass der Film jetzt in die Öffentlichkeit geht, und manchmal überfordernd, eben weil er so private Einblicke zeigt. Gleichzeitig sehe ich eine Mara und denke mir: Du hast es voll gut gemacht, es darf alles gesehen werden und sich weiterentwickeln. Wir haben seither viele andere Phasen durchlebt und ich liebe diesen Film nach wie vor und dass viele Gespräche daraus entstehen.

Klara: Wenn man Kunst macht, macht man sich damit immer verletzlich. Es hat für mich eine große Schwelle bedeutet, die Bilder von Mara abzugeben, weil ich ein starkes Bedürfnis hatte, sie zu schützen.
Wenn Frauen nach der Vorführung zu mir kommen, um mir ihre Themen von Mutterschaft zu erzählen, denke ich mir: Wow, es ist echt schön, Dokumentarfilme zu machen. Hart ist, dass man nur einen kleinen Aspekt von etwas zeigen kann. Wenn Mutterschaft so groß ist wie das Universum, dann zeigen wir einen Quadratzentimeter auf einem Planeten im Universum.

Was ich aber unglaublich schön finde, ist, dass wir verletzliche Punkte offenlegen, das ermöglicht vielen Menschen, selber darüber zu sprechen. Das ist das Magische an Vulnerabilität: Wenn ich aufmache, kann auch mein Gegenüber aufmachen. Die Verletzlichkeit auszuhalten, ist nicht einfach. Ein Teil von mir würde sich gerne vor jeder Vorführung verstecken (beide lachen).

Der Film ist bereits mehrfach ausgezeichnet, mit welchen Hoffnungen „entlässt“ ihr ihn?

Mara: Ich hoffe, dass er viele schöne tiefe Gespräche anregt und dass keine Mutter mehr das Gefühl haben muss, dass irgendein Gedanke nicht ausgesprochen werden darf. Schön wäre eine größere Community, in der offen über Isolierung, Überforderung, Verlorensein geredet werden darf und wir mehr Einblicke in die gegenseitigen Küchen geben. Das Reden bringt uns zusammen, das ist wichtig in Zeiten wie diesen.

Klara: Ich wünsche mir auch, dass die Geburtserfahrung mehr zum Gesprächsthema wird. Geburten können traumatisierend sein, trotzdem bekommen Frauen in unserem Medizinsystem bis heute oft nur gesagt, dass das halt so sein muss. Und am liebsten hätte ich noch eine Texttafel zum Film hinzugefügt: Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die Mutterschaft, Elternschaft und Care-­Arbeit in dieser Form entwertet, wie sie es gerade tut, kann das innerhalb der Kernfamilie nicht gelöst werden. Das ist ein systemisches Problem. Wir müssen mehr über unsere echten Gefühle sprechen – und wir müssen am System rütteln, auch als Väter.

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