Zwei Männer sitzen mit dem Rücken zur Kamera an einem Felsen und schauen zum Meer

Sprachlos? Warum Männer über ihre Gefühle schweigen

Jetzt mal ehrlich: Wie geht es dir?

9 Min.

© Pexels/ Afitab

42 Jahre alt ist Grönemeyers legendärer Song „Männer“, der Inhalt aber so aktuell, als wäre die Tinte am Papier noch nicht getrocknet. „Männer weinen heimlich“, lautet eine Textzeile – und das scheint weiterhin für viele zu stimmen. Damit sind nicht inszenierte, strategisch eingesetzte Offenbarungen vor laufender Kamera gemeint, sondern rücksichtsvolle ehrliche Dialoge etwa mit Familie und Freund:innen.

Was steckt hinter der Sprachlosigkeit der Männer?

„Obwohl ich immer predige, wie wichtig es ist, Gefühle zu zeigen und darüber zu sprechen, ertappe ich mich selbst oft dabei, dass es mir schwerfällt“, verrät Kushtrim Alili, 24, von Heroes Steiermark, einem bemerkenswerten Präventionsprojekt für Burschenarbeit. „Daran merkt man, wie tief das verankert ist. Wenn nun ich, der in dem Bereich arbeitet und ziemlich reflektiert ist, noch Strategien suche, wie ich das ändern kann – wie geht es dann anderen?“

Eine der größten Herausforderungen mit Babys ist, dass sie noch nicht sagen können, warum sie weinen. Ist es Hunger, Bauchweh, Müdigkeit? Eine kluge Freundin beruhigte mich immer: „Es wird leichter, wenn sie zu reden beginnen.“ – Und sie hatte recht. Wie kann es nun sein, dass die Kommunikationsbereitschaft, die beim Heranwachsen für gewöhnlich von viel Lob und Beifall begleitet ist, bei Männern später scheinbar „weniger“ wird?

„Die schnelle Antwort lautet: Männer sind in bestimmten Sozialisationsdynamiken gefangen. Das ist nichts Angeborenes, es geht hier um Verhaltensweisen, die man in der Auseinandersetzung mit anderen über die Jahre erlernt“, stellt Erich Lehner klar; er ist Obmann des Dachverbandes für Männer-, Burschen- und Väterarbeit und Psychoanalytiker in freier Praxis.
Gelingt es „auszubrechen“, gibt es nicht nur Applaus. „Jungs machen auch die Erfahrung, dass sie mit einer sensiblen, kommunikativen und verständnisvollen Art gar nicht so richtig ankommen. Das müssen wir gesellschaftlich weiter beackern“, betont die Journalistin Shila Behjat. Eines ihrer Bücher: „Söhne großziehen als Feministin“ (Verlag Hanser).

Wir müssen die Erwartungen an Jungs weiter gesellschaftlich beackern.

Shila Behjat, Journalistin und Autorin
Porträt von Erich Lehner
© Pilo Pichler

Die stille Seite der Männlichkeit

Das vorherrschende Männerbild sei laut Erich Lehner weiterhin geprägt von Dominanz und Durchsetzungsvermögen. „Wenn es nun mehrere ,Dominante‘ gibt, führt das zu Konkurrenz – und in weiterer Folge zumeist zu Hierarchien. Ein Beispiel: Die Hierarchie in unserer Bubenschule bestimmte der Fußball“, erzählt der Männerforscher. In der „Vergemeinschaftung“ von Männern heiße es noch immer: sich durchsetzen, wichtig und überlegen sein. „Pierre Bordieu sagt über die Gruppe von Männern, sie seien ,Partner-Gegner‘“, zitiert er den französischen Soziologen. Zwar gebe es natürlich auch gute solidarische Freundschaften, doch das Element der Konkurrenz sei immer gewissermaßen vorhanden. „Männlich gelesene Menschen können genauso gut sprechen wie weiblich gelesene – und haben Gefühle wie alle Menschen. Aber weil da immer irgendwo der ,Partner-Gegner‘ im Hintergrund ist, lernen sie, vorsichtig zu sein und gerade über Gefühle kalkulierend zu sprechen.“

Intensiv beforscht wurden etwa die pflegerischen Fähigkeiten von Männern – zumeist im Pensionsalter, wenn sie ihre Partnerinnen pflegen. „Es hat sich gezeigt, dass sie das großteils kompetent machen – und auch Gefühle zeigen. Sie können sie aber nur punktuell äußern und sind sofort darauf aus, Lösungen zu suchen“, beschreibt Erich Lehner. „Schon Bubengruppen definieren sich mehr über das Tun, Mädchen über das Sprechen. – Es ist wichtig, dass wir die Männer da ,reinholen‘.“ Sie haben sozusagen verinnerlicht: „Ich muss das selber schaffen. Ich muss mich durchsetzen.“

Wie kann es also gelingen, das Mitteilen von Befindlichkeiten ins Männer-Portfolio zu integrieren? „Indem man Männer persönlich und konkret anspricht: Was spürst du? Was geht in dir vor? – Sie müssen lernen, bei ihrem Empfinden zu bleiben, ohne dass es gleich eine Lösung gibt“, beschreibt Erich Lehner.

Veränderung gelingt durch Karenz. Mit einem Kind kann man nicht taktieren.

Erich Lehner, Dachverband Männer-, Burschen- und Väterarbeit
Porträt von Kushtrim Alili
© Jakob Grill

Next Hero gegen toxische Männlichkeit

Heroes Steiermark setzt bei den Burschen an. Kushtrim Alili studiert Soziale Arbeit und leitet das digitale Projekt „Next Hero“: Jugendliche produzieren beispielsweise Videos zu Themen wie Radikalisierung, Gewalt oder Feminismus. „Wir wollen mit positiven Inhalten in die feindlichen Territorien – in die Manosphere und Andrew-Tate-Blase – reinkommen“, erklärt er. Jungs würden bis heute dazu erzogen, Taten zu setzen, allein zu entscheiden, „das führt dazu, dass die meisten gar nicht daran denken, die Dinge mit Freundinnen, Müttern, Schwestern zu besprechen. Und wenn man das nie gelernt hat, kann man schnell sprachlos werden. Wenn sich dann manche in ihrer Männlichkeit angegriffen fühlen, ersetzen sie leider Sprachlosigkeit durch Aggression“, bedauert der Burschenberater. „Wir sprechen mit den Jungs auf Augenhöhe. Wir wollen ihnen das Gefühl geben, dass sie frei reden können, dass sie nicht verurteilt werden.“

Ihnen werde auf professioneller Ebene ein sicherer Vertrauensrahmen geboten. „Burschenarbeit ist nicht nur Lehrarbeit, es ist massive Beziehungsarbeit“, weiß auch Männerforscher Erich Lehner. „Es ist wichtig, dass die Burschen ins Reden kommen, ihr eigenes Erleben äußern – und das muss dann strukturell so abgesichert werden, dass das auch in anderen Beziehungen möglich ist.“

Männlichkeit im Wandel

Das wünscht sich auch die feministische Autorin Shila Behjat. „Die aktuelle Wut und Empörung von Frauen ist richtig und wichtig“, sagt sie. Zu viel sei in jüngerer Vergangenheit ohne Konsequenzen geblieben; viele Frauen würden sich aus gutem Grund von Männern abwenden. „Trotzdem denkt man auch: Da ist die Rolle als Mutter, Schwester, Partnerin, es muss ein Zusammenleben geben – wie kann es anders, besser werden?“ Zurecht seien zuletzt Frauen und Weiblichkeit in den Fokus gerückt worden, weil doch zuvor sozusagen alles um den Mann kreiste. Das beinhaltete aber lange nicht, sich Männerbilder und Männlichkeit genauer anzuschauen, bemängelt sie.

„Als Mutter von Söhnen kenne ich ein bisschen den Reflex sagen zu wollen: Es ist schwierig, heute als Junge so zu sein, wie man ist – hier gibt es mal einen Raum, da können sie einfach sein, wie sie sind“, gesteht Shila Behjat – und betont im gleichen Atemzug: „Es ist aber ein Problem, wenn Männerräume auf diese Weise genutzt werden, anstatt als Safe Space, um gemeinsam über Männlichkeit nachzudenken. – Natürlich gebe ich meinen Söhnen die Überzeugung mit, dass sie einen positiven Einfluss darauf haben können, was Gleichberechtigung bedeutet.“

Porträt von Shila Behjat
© Markus C. Hurek

Veraltete Rollenbilder

Sie ortet auch einen Widerspruch: „Wir haben uns gesellschaftlich noch nicht davon gelöst, dass Männer die klassische Versorgerrolle haben. Wir finden es zwar toxisch, dass es für junge Männer früh Thema ist, wie viel sie später verdienen – aber wir müssen uns ehrlich fragen: Sind sie wirklich davon befreit, dass es diese Erwartung an sie gibt? Wir haben mit Begeisterung Mädchen in die wissenschaftlichen und technischen Felder geschickt, aber wir haben nicht mit der gleichen Begeisterung dafür gesorgt, dass Jungs in Pflege- und erzieherische Berufe gehen.“

Caring Masculinity

Wie kriegt man also den kommunikativen empathischen Mann – Stichwort „Caring Masculinity“ – in die Gesellschaft? – „Beispielsweise durch die Karenz – überall halbe/halbe, beide Eltern ausgeglichen, das ist immens notwendig. Mit einem Kind kann man nicht taktieren, auf ein Kind muss man emotional eingehen“, betont Männerforscher Erich Lehner. Das Rezept, wie das in Unternehmen zu implementieren sei, liegt für ihn auf der Hand: „Männer verhalten sich wie Hordentiere. Wenn wir wollen, dass ein Betrieb viele Karenzväter hat, sollte der Chef anfangen – oder zumindest sagen, dass er das in seinem Betrieb haben will.“

Ein Ablaufdatum, seine „Stimme“ zu finden, gibt es aber nicht. Immer wieder lassen sich auch Pensionisten psychotherapeutisch begleiten, erzählt Erich Lehner. Mit über 70 wandte sich ein Mann mit Polyneuropathie (Nervenkrankheit) an ihn; ein Bekannter hatte ihm gesagt, ein Auslöser könnte „eine Kopfsache“ sein. Tatsächlich stellte sich heraus, dass er zwar mit seiner Frau immer geredet, aber sich nie über seine Sorgen zu öffnen getraut hat. „In der Therapie hat er erstmalig über seine Angst gesprochen, die Familie ernähren zu müssen; er hatte das Gefühl, er muss sie ,beschützen‘, dabei stand sie auf eigenen Beinen, war selbst berufstätig. Durch die Gespräche konnte er die Angst ablegen.“

Bei der Erziehung muss das Kind, nicht das Geschlecht im Vordergrund stehen.

Kushtrim Alili, Burschenarbeit Heroes

Wie Eltern Rollenbilder prägen

Sich zu öffnen fällt leichter, wenn man es früh lernt: „Es sollte nicht passieren, dass der Vater immer den Sohn zum Auto mit rausnimmt, damit die Tochter der Mutter beim Kochen hilft. Das Geschlecht darf nicht im Vordergrund stehen, Eltern sollten darauf eingehen, was das Kind individuell braucht“, sagt Kushtrim Alili von Heroes Steiermark. „Das Entscheidende ist, dass Kinder erleben, dass sie Eltern haben – und nicht Mama und Papa. Die einzigen Unterschiede sind unsere Reproduktionsorgane“, erklärt Erich Lehner. „Es gibt keinen Mutterinstinkt, es gibt nur Menschen, die sich auf Pflege einstellen. Wenn die Mama arbeiten ist, soll der Papa genauso mit einem aufgeschlagenen Knie zurechtkommen – und zwar auch emotional. Er soll nicht der Sonntagspapa sein; für Kinder ist es wichtig zu sehen, dass er nicht der Held ist, der das Geld bringt; kein Elternteil sollte höher oder tiefer stehen.“

Männliche und weibliche Zuschreibungen oder politische Prozesse, die abermals den „wehrhaften Mann“ befeuern, hält Erich Lehner schlicht für einen „Schmarrn“; all das gehöre inhaltlich aufgearbeitet und dekonstruiert. Auch das Ablehnen des Genderns. „Hier beginnt eigentlich Gewalt, wenn man das Leben von bestimmten Gruppen negiert.“

Um die Gräben zwischen den Geschlechtern zu verkleinern, „müssten noch einige Dinge echt verhandelt werden, beispielsweise die gesellschaftliche Bewertung bestimmter Aufgaben“, sagt Shila Behjat.
Noch sei vieles „super binär“, noch würde die Manosphere das toxische Narrativ befeuern, um Frauen zu bekommen, müsste man ein „echter Mann“ sein. „Männer sollten sich überhaupt davon lösen, irgendwelche Dinge zu machen, um vermeintlich Frauen für sich zu gewinnen“, gibt sie zu bedenken. „Jungs brauchen auch weibliche Vorbilder“, ist Shila Behjat überzeugt. „Nicht indem sie denken, ,wow, das kann eine Frau auch‘, sondern weil sie in ihr einen inspirierenden Menschen unabhängig vom Geschlecht sehen.“

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