Louisa Dellert über ihr Buch: „Momente zählen, nicht Kalorien”

Louisa Dellert über ihr neues Buch UNSHAME, den Weg zu einem sanfteren Blick auf den eigenen Körper und warum echte Sommertage mehr wert sind als der perfekte Sommerbody.

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© Lisa Pardey

Hand aufs Herz: Wann hast du zuletzt einfach eine kurze Hose angezogen, ohne vorher kurz in den Spiegel zu schauen? Ohne den Gedanken, ob die eigenen Beine so in Ordnung sind, ob der Bauch zu sehen ist oder ob man das so überhaupt tragen kann? Die meisten von uns kennen dieses Gefühl. Kein Wunder – schließlich wird uns andauernd aufs Neue suggeriert, dass wir nicht gut genug sind, so wie wir sind. Social Media überschwemmt uns mit gefilterten Körpern, die Werbung verspricht die schnelle Lösung, und irgendwo tief drinnen haben wir gelernt, unseren Körper als Baustelle zu betrachten, die niemals fertig wird.

Gegen den Perfektionszwang

Auch Louisa Dellert kennt diesen Blick auf den eigenen Körper aus eigener Erfahrung. Als ehemalige Fitnessinfluencerin war sie lange selbst gefangen in Vergleichen, in der Frage: Bin ich schön genug? In ihrem neuen Buch UNSHAME begibt sie sich auf eine Reise durch ihr eigenes Körperbild – und schaut sich dabei die Mechanismen an, mit denen Schönheitsindustrie und Patriarchat Frauen systematisch verunsichern.

Wer verdient eigentlich an unserem schlechten Körpergefühl? Wer entscheidet, welcher Körper „zu viel“ ist? Mit schonungsloser Ehrlichkeit und viel Empathie versucht sie zu verstehen, wie absurde Schönheitsnormen entstehen – und warum es höchste Zeit ist, den eigenen Körper endlich als das zu sehen, was er ist: ein Zuhause.

Lisa Pardey, Portrait Louisa Dellert
© Lisa Pardey

Sport für das Wohlbefinden

Louisa, ich sitze hier in Tirol, du in Braunschweig. Ich habe schon auf Instagram gesehen, du bist mit Sport in den Tag gestartet – wie geht es dir?

Louisa Dellert: „Gut, danke! Ich bin heute nach langer Zeit wieder laufen gegangen – und habe gemerkt, wie sehr sich meine Einstellung dazu verändert hat. Früher habe ich Sport gemacht, um einem bestimmten Körperideal zu entsprechen. Heute mache ich es, weil ich mich gut fühlen will. Das klingt simpel, ist für mich aber ein riesiger Unterschied. Gerade jetzt, wo der Sommer beginnt und überall wieder dieser Summerbody-Druck auftaucht, merke ich, dass auch ich nicht davor gefeit bin, mich zu vergleichen. Aber ich erkenne es inzwischen schneller – und das ist für mich schon ein großer Erfolg.“

Vom Instagram-Format zum Buch

UNSHAME hat als Instagram-Format angefangen. Wann hast du gemerkt, dass da ein Buch drinsteckt?

Louisa Dellert: „Zum einen habe ich gemerkt, dass mir anderthalb Minuten Video einfach nicht reichen, ich war dadurch sehr limitiert. Gleichzeitig fand ich den Gedanken schön, dass Menschen im Sommer nicht ständig aufs Handy schauen müssen, um etwas von mir zu lesen. Der andere Grund war, dass mir so viele Frauen ihre Geschichten geschickt haben – darüber, was sie beschäftigt und womit sie kämpfen. Da dachte ich: Vielleicht ist es einfach eine schöne Möglichkeit, jemandem etwas zu geben, was man abseits vom Online-Leben für sich hat.“

Lisa Pardey, Portrait Louisa Dellert
© Lisa Pardey

Der Schreibprozess

Wie war der Schreibprozess dabei für dich, vor allem bei so einem persönlichen Thema?

Louisa Dellert: „Mir war von Anfang an wichtig, dass ich als weiße Frau meine Privilegien einordne und Platz lasse für andere Stimmen und Lebensrealitäten. Ich erreiche Menschen, die noch nicht so tief im Thema drin sind – da trage ich eine Verantwortung. Das war herausfordernd, weil ich mich ständig selbst hinterfragen musste: Gucke ich das gerade durch meine Brille? Von wem habe ich das eigentlich gelernt? Und dann war da noch das Emotionale: Es war bewegend, mich mit meiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen, und nochmal in alten Barbie-Puppen und Bravo-Zeitschriften zu stöbern. Da ist mir klar geworden: Kein Wunder, dass ich so lange meinem Körper gegenüber so schlecht war, wenn ich damit aufgewachsen bin.“

Schönheitsideale im Wandel

Im Buch machst du eine Zeitreise durch Schönheitsideale. Was hat dich dabei überrascht?

Louisa Dellert: „Nicht überrascht, aber für mich war nochmal wichtig zu verstehen, wie absurd schnell sich Schönheitsideale verändert haben – und wie unmöglich es für Frauen war, diesem Standard überhaupt gerecht zu werden. Man hat einfach einen bestimmten Körper, und wenn das Ideal sich nach ein paar Jahren wieder dreht, macht das mental etwas mit einem. Und am meisten profitiert davon das patriarchale System dahinter. Auch die Klatschpresse von damals hat mich nochmal erschrocken. Wenn man das heute analysiert, ist das Frauenfeindlichkeit auf höchstem Niveau: Frauen wurden dort ständig gegeneinander ausgespielt oder heimlich am Strand fotografiert, und genau damit wurde dann auch noch Geld verdient.“

Den männlichen Blick loswerden

Du schreibst, dass Frauen früh lernen, sich durch männliche Augen zu betrachten. Was hilft dir persönlich, diesen Blick loszuwerden?

Louisa Dellert: „Um mal etwas Positives zu sagen: Ich glaube, dass junge Menschen heute mit einem feministischeren Blick aufwachsen und Dinge anders einordnen als wir. Wenn beispielsweise American Pie heute nochmal als Film rauskäme, würde er ganz anders besprochen werden. Früher habe ich durch solche Bilder gedacht: Damit mich jemand toll findet, muss ich schlank und braungebrannt sein. Mein Rat an Erziehungsberechtigte ist, nehmt ernst, was eure Kinder konsumieren, fragt nach und analysiert gemeinsam. Auch beiläufige Kommentare beeinflussen, wie junge Menschen sich selbst sehen. Social Media ist inzwischen wie der Wilde Westen und es ist alles andere als einfach, damit aufzuwachsen.“

Dialog oder Abgrenzung?

Unter deinen Posts gibt es immer wieder Männer, die kommentieren, wie überflüssig #UNSHAME sei. Ist das etwas, das du ignorierst und blockierst – oder siehst du da eine Chance für Dialog?

Louisa Dellert: „Dialog mit Männern auf Social Media ist zu 99 Prozent schwierig – das ist auch nicht mehr mein Anspruch. Was mich da viel mehr trifft, ist, wenn andere Frauen meinen Körper abwerten. Diese fehlende Solidarität untereinander schmerzt mich am meisten. Gleichzeitig glaube ich, dass wir uns diesen Impuls, andere Frauen und ihre Körper zu bewerten, auch wieder abtrainieren können.“

Buch Louisa Dellert UNSHAME
© Hersteller

Ein Buchcafé als neue Heimat

Du hast Berlin hinter dir gelassen und betreibst jetzt ein Buchcafé in Braunschweig. Wann hast du zuletzt gedacht: richtige Entscheidung?

Louisa Dellert: „Mir ging es eine Zeit lang mental nicht gut. Ich habe gemerkt, dass ich den vielen Erwartungshaltungen nicht mehr gerecht werden kann, die auf mich einprasseln. Beim Thema Nachhaltigkeit war es zum Beispiel die Erwartung, ich würde nie wieder einen Plastikbecher benutzen oder fliegen – das hat mich irgendwann überfordert. Heute bin ich zwar noch auf Social Media, aber deutlich weniger. Manchmal hört man tagelang nichts von mir, weil ich hier im Laden Bücher und Kuchen verkaufe. Menschen im echten Leben zusammenzubringen, war für mich die beste Entscheidung. Gleichzeitig wird mein Job oft romantisiert: Viele denken, ich würde hier entspannt in Büchern blättern, aber natürlich gehört auch Toilette putzen, Staubsaugen und Backen dazu.“

Sanfter mit dem eigenen Körper

Du sprichst viel darüber, sanfter mit dem eigenen Körper zu sein. Was hat dir dabei geholfen – und gibt es auch Tage, wo das einfach nicht klappt?

Louisa Dellert: „Nur weil ich UNSHAME geschrieben habe, heißt das nicht, dass ich jetzt ‚geheilt‘ bin. Es gab nie diesen einen magischen Moment, der alles verändert hat. Selbstbewusstsein kann man eher wie einen Muskel trainieren: Wenn du dich immer öfter traust, im Badeanzug an den See zu gehen, wird es irgendwann zur Routine – und irgendwann bist du einfach im Moment, statt ständig an den Badeanzug zu denken. Was mir außerdem hilft: Ich poste bewusst Fotos, die nicht perfekt ausgeleuchtet sind, mit Doppelkinn, von unten oder ganz aus dem Moment heraus. Damit auch andere diese Echtheit sehen. Das kann jede für sich machen, auch privat, als kleinen Reality-Check gegen den polierten Blick von Social Media.“

Eine Umarmung für die kleine Lou

UNSHAME soll eine „Umarmung“ sein – an alle Frauen, die jahrelang ihren Körper als Feind behandelt haben. Wenn du die kleine Lou, die damals vor dem Spiegel stand, wirklich umarmen könntest: Was würdest du ihr sagen?

Louisa Dellert: „Sei dir bewusst, dass du nur eine limitierte Anzahl an Sommern und an Momenten hast. Ich habe zu oft nicht die Momente im Sommer gezählt, sondern die Kalorien – und dadurch viel verpasst. Ich würde der jüngeren Lou wünschen, dass sie mehr im Moment ist und versteht, wie erschöpfend es ist, sich ständig mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Dem Badesee, dem Sonnenuntergang und den Freundinnen ist es am Ende egal, wie du aussiehst. Die wollen einfach nur eine gute Zeit mit dir haben – und das sollte man sich immer wieder bewusst machen.“

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Mehr zur Autorin:

© Birgit Pichler

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.

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