Daniel und Inge Pleunik sichten Materialien für ihr Friedensprojekt, das die Erinnerungen und Erfahrungen 100-jähriger Menschen festhält.

Was wir von 100-Jährigen über Glück und Träume lernen können

Ein herausragendes Friedensprojekt, das international weite Kreise zieht.

8 Min.

Mutter und Sohn. Daniel und Inge Pleunik erzählen über ihr Friedensprojekt „Lebensweisheiten von 100-Jährigen“. © Bildschön Fotos/Hanna Kleinschuster

„Einmal täglich herzhaft lachen.“ – Das ist das Geheimrezept eines 104-jährigen Arztes.
Der älteste Skifahrer Österreichs kann sich beispielsweise köstlich über einen „leichtsinnigen“ Tourismusverantwortlichen amüsieren, der ihm zum 90. Geburtstag einen kostenlosen Skipass auf Lebenszeit zusagte. Wie großzügig sein Geschenk war, wird ihm womöglich heute, nach elf Jahren, bewusst.

Auf den täglichen Sport schwört auch ein Herr mit 105 Jahren in Bad Vöslau. „Er sagt: Er fürchtet weder Krebs noch Herzinfarkt, er fürchtet nur den Schlendrian. ‚Immer dranbleiben‘ ist sein Motto“, erzählt Daniel Pleunik, während er aus einem stattlichen Stapel an Fotos eines mit einem lächelnden Mann am Hometrainer hervorholt. Dass er mittlerweile nicht gut hört, komme ihm bisweilen gelegen, erklärte ihm der humorige Senior. „Wenn er im Wald spazieren geht, meint er, ab und zu etwas hinter Bäumen zu bemerken. ,Ist das schon der Mann mit der Sense?‘, fragt er sich. Aber er hört ihn ja nicht, sagt er, darum ist er noch immer da“, lacht der 26-Jährige.

Porträts von über 100-jährigen Menschen im internationalen Friedensprojekt von Daniel Pleunik, das ihre Lebensweisheiten dokumentiert.
Die Geschichte zu jedem einzelnen Gesprächspartner hat Daniel Pleunik sofort im Kopf. © Bildschön Fotos/Hanna Kleinschuster

Der herzliche Krankenpfleger aus Jennersdorf interviewte in den vergangenen zwei Jahren bereits rund 70 Menschen im Alter von um die 100 Jahre. Seine Mama Inge fungierte dabei von Beginn an als Kamerafrau. Auf YouTube zählt Daniels Kanal – zum Drucktermin dieser Ausgabe – mehr als 70.000 Follower. Via Instagram sind es rund 55.000, Tendenz steigend. Die beiden produzieren die Videos ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Kommt damit Geld herein, wird es in Umsetzung und in die Recherchereisen investiert.

Interviewpartner:innen traf das Duo mittlerweile in allen Bundesländern, in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich. Wir drehten diesmal den Spieß um und baten Sohn und Mama um ein Gespräch – bei ihnen daheim in Jennersdorf. Bei unserer Ankunft staunten wir noch über die Schönheit der Natur, die ihr Zuhause umgibt. Der wundervolle Panoramablick von ihrer Terrasse aus rutschte aber in eine Statistenrolle, als die beiden von ihren Begegnungen zu erzählen begannen. Denn ihre Interviewpartner:innen eint nicht nur ihre bemerkenswerte Lebensfreude. Sondern der eigentliche Kern dieses Friedensprojektes: die Bereitschaft, über die Schrecken des Krieges zu sprechen, um – wie Daniel seine große Vision formuliert – heute das Ruder rumzureißen.

Wie alles begann

Aufgewachsen unterm selben Dach mit den Großeltern und anfangs auch noch mit der Uroma, mochte Daniel den Austausch mit älteren Menschen immer gerne, erzählt er. Der Zivildienst am Krankenhaus Güssing gab ihm schließlich den Anstoß, die Ausbildung zum Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger zu machen. „Meine Schwester und ich haben ,Rollen‘ getauscht: Sie ist Polizistin“, lacht er. Er mag seinen Job in der Reha-Klinik in Bad Radkersburg – und besonders, mit den Patient*innen ins Gespräch zu kommen. „Mich faszinierte immer schon, wie manche Menschen mit 90 aussehen, als wären sie 70, oder wie es ihnen gelingt, mehr als 60 Jahre verheiratet zu sein.“

Irgendwann stellt er fest, dass es im Internet zwar zahlreiche englischsprachige Interviews mit Älteren gibt. Im deutschsprachigen Raum klaffte aber eine Lücke. In die Weisheiten erfahrener Menschen eintauchen zu dürfen, interessiert ihn sehr. Da kauft er sich Kamera und Mikrofon – und bittet seine Mama zu filmen, während er interviewt. Sie sei auf Anhieb begeistert gewesen, sagt sie. Die beiden beginnen, mit viel Feingefühl etwa in Grazer Stadtparks Menschen anzusprechen. Sie merken bald: Je älter sie sind, umso größer und schmerzhafter zeigen sich ihre Narben von Krieg und Holocaust. Und es wird ihnen auch bewusst: Wir haben es heute mit den letzten Zeitzeugen zu tun.

Nach und nach entsteht die Idee für das Friedensprojekt: Auf der Suche nach 100-Jährigen durchforstet Daniel Zeitungen und das Internet, handschriftlich verfasst er seitenlange Briefe, in denen er erklärt, wie wertvoll ihre Stimmen seien. „Ich habe den Kontakt zu den Familien gesucht, die Interviews mit ihren Eltern und Großeltern sollten in erster Linie ein Andenken für sie werden; erst wenn sie das fertige Video gesehen haben und einverstanden waren, wollte ich ans Veröffentlichen denken – damit wir alle aus der Geschichte und ihren Lebensweisheiten lernen“, beschreibt Daniel.

Daniel und Inge Pleunik aus Jennersdorf stehen hinter einem internationalen Friedensprojekt mit den Lebensgeschichten 100-jähriger Menschen.
© Bildschön Fotos/Hanna Kleinschuster

Traumata

Die bisher rund 70 Interviews prägten auch Mutter und Sohn enorm, sagen sie. „Ich habe mir immer gedacht: Ich kann nichts am Weltgeschehen ändern. Aber jeder kann etwas tun“, sagt Inge Pleunik. „Wir können in der Familie, bei Freunden und Nachbarn anfangen. Mit einem Lächeln, durch Hilfsbereitschaft und indem wir achtsamer mit Worten umgehen.“

Es sind Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen, die Erinnerungen seien aber erschreckend präsent. „Manche erzählen Dinge, die sie noch nie erzählt haben“, sagt Inge. „Viele sind sehr traumatisiert, für sie gab es damals keine psychologische Hilfe; manche wachen bis heute nachts auf und denken, sie wären im Kampf“, ergänzt Daniel. „Ein Auschwitz-Überlebender hat erzählt, dass er einen Kollegen im KZ extra nicht aufgeweckt hat, als er einen Albtraum hatte, weil der schlimmste Albtraum nie so arg sein konnte wie das, was sie wirklich erleben mussten“, beschreibt Inge.

Vielen ist der Schock darüber, dass es in Europa wieder Krieg gibt, ins Gesicht geschrieben. Eine heute 102-jährige Ukrainerin musste zum zweiten Mal in ihrem Leben vor Bomben fliehen. Alle Gesprächspartner*innen verbindet ein Gedanke: „Sie alle wünschen sich den Frieden. Ausnahmslos“, weiß Inge. „Einer hat gesagt: Der Mensch ist zwar imstande, einen Krieg zu führen, aber nicht die Konsequenzen zu tragen“, sagt sie. „Also ist es besser, man fängt gar nicht damit an“, ergänzt Daniel.

Daniel und Inge Pleunik sichten Materialien für ihr Friedensprojekt, das die Erinnerungen und Erfahrungen 100-jähriger Menschen festhält.
Mutter und Sohn. Daniel und Inge Pleunik erzählen über ihr Friedensprojekt „Lebensweisheiten von 100-Jährigen“. © Bildschön Fotos/Hanna Kleinschuster

Wie man 100 Jahre alt wird

Dass die Familien ihnen vertrauen, dass sich die Zeitzeug:innen ihnen öffnen, erleben Daniel und Inge als Geschenk. Wenn sie über den Krieg berichten, gehe er besonders behutsam vor, erklärt er. „Ich lasse die Interviewpartner:innen in Ruhe ausreden, frage vorsichtig, und kehre zu dem Thema auch nicht mehr zurück, wenn sie damit abschließen, weil ich sie nicht verletzen will.“ Schließlich interessiere ihn genauso, wie ihre Leben danach verliefen – und wie es ihnen trotz allem gelang, ein solch hohes Alter zu erreichen. „Manchmal denke ich mir, dass gerade die, die viel Schlimmes erlebt haben, einen enormen Überlebenswillen haben.“

Eine seiner liebsten Fragen ist die nach dem Erfolgsgeheimnis, wie man 100 Jahre alt werden kann. „Eine Antwort kommt immer: eine Form von Bewegung, beispielsweise gleich Morgengymnastik, so gut es geht – und zwar sehr diszipliniert, nicht etwa nur jeden zweiten oder dritten Tag, sondern tatsächlich jeden Tag.“ Ganz wichtig sei auch das soziale Umfeld, „wenn man alleine ist, geht man leider ein“. Von lieben Menschen umgeben zu sein, ob nun von der Familie oder im Pflegeheim, sei Seelennahrung – genauso wie der Humor, mit dem auch die meisten 100-Jährigen gut ausgestattet seien.

Sie alle wünschen sich den Frieden. Ausnahmslos.

„Wenn ich nach der Ernährung frage, sagen viele, sie essen entweder kein oder sehr wenig Fleisch – und jedenfalls alles in Maßen und niemals über den Hunger“, beschreibt Daniel. „Manche ärgern sich richtig, wie viel Klumpert sie in den Einkaufswägen der Jungen sehen“, lacht er. Auch in Sachen Beziehungen orten einige mangelnde Disziplin: „Die meisten sagen: Damit man 60, 70 Jahre zusammenbleibt, sollte man an einem Strang ziehen, viel miteinander reden, nicht mit Groll schlafen gehen – und nicht wegen jeder Kleinigkeit davonlaufen, wie die Jungen das tun.“

Daniel Pleunik hat mit seinem Friedensprojekt jedenfalls noch sehr viel vor. Eine Reihe weiterer Interviews im In- und Ausland sind bereits vereinbart; parallel dazu hält er seine bisherigen Kontakte in Ehren, schreibt ihnen zu Geburtstagen und Weihnachten mit der Hand Briefe, telefoniert mit ihnen und ihren Familien – und schickt ihnen ausgedruckte schöne und bewegende User-Kommentare zu ihren Zeitzeug*innen-Videos zu. „Wenn dort zum Beispiel steht: ,Ich bin gleich zu meiner Oma gegangen und habe mit ihr geredet‘, freut uns das sehr. Das zeigt, dass wir ein bisschen was bewirken, einen Stein ins Rollen bringen“, sagt Inge Pleunik. Daniel denkt sein Friedensprojekt übrigens schon weiter. Seine Vision ist ein Buch, an dem er bereits zu arbeiten begonnen hat: 100 Lebensweisheiten von 100-Jährigen.

100-jährige und Holocaustüberlebende

„Nie wieder“ – das ist die klare Botschaft, die Daniel Pleunik mit seinem Friedensprojekt „Lebensweisheiten von 100-Jährigen“ unter die Menschen bringen will. Dafür interviewt er seit 2024 im In- und Ausland 100-Jährige und Holocaust-Überlebende, seine Mutter ist als Kamerafrau dabei. Die bewegenden Videos gibt es via YouTube @danielpleunik sowie Instagram @daniel_lebensweisheiten zu sehen.

Daniel ist Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, seine Mama Teil des Teams von „lebe natur“ in Mogersdorf. Ihr gemeinsames Friedensprojekt machen die beiden ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Um ihre Recherchereisen und Videoproduktionen finanzieren zu können, freuen sich die beiden über Spenden.

Weitere Informationen unter friedensprojekt.at

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