My Ugly Clementine im ausdrucksstarken Bandporträt mit extravagantem Make-up und rockigem Styling.

My Ugly Clementine – Rockmusik mit Attitüde

Im Wiener Proberaum sprechen Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronck von „My Ugly Clementine“ über Autonomie, Feminismus, Freundschaft und das Privileg des Älterwerdens.

7 Min.

© Mala Kolumna

Der Probe­raum im Souterrain eines Gebäudes im 17. Wiener Gemeindebezirk erinnert an irgendwas zwischen Arbeitsplatz und musikalischem Wohnzimmer. Drinnen ist es heimelig und entspannt. Zwei Frauen des Trios von „My Ugly Clemen­tine“, nämlich Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronck, die alle Nasti nennen, sitzen mir angenehm unangestrengt gegenüber.

Die Dritte im Bunde (Sophie Lindinger) hat einen Gig und kann leider nicht dabei sein.

Doch dass ich überhaupt hier sitze, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. „My Ugly Clementine“ wählen bewusst, mit wem sie sprechen und welchen Haltungen sie Raum geben. Gelebte Autonomie also, womit wir beim neuen Album „Apply Autonomy“ (Anm.: zu Deutsch „Autonomie anwenden“) sind.

Es ist das dritte Studioalbum der Band, deren erstes Konzert bereits vor dem ersten veröffentlichten Song ausverkauft war und deren Bandmitglieder niederösterreichische, oberösterreichische, steirische, wienerische, tschechische und burgenländische Wurzeln haben.

My Ugly Clementine – kreatives Covermotiv mit Blick durch einen geöffneten Mund auf ein Zimmer.
Apply Autonomy. Das dritte Studioalbum von „My Ugly Clementine“ erscheint am 4. September 2026. © Mala Kolumna

„Apply Autonomy“ hört sich nach einem großen Auftrag an. Was bedeutet er für euch?

Nasti: Wir haben Songs geschrieben und erst danach den roten Faden gesucht. Da war viel über Beziehungen, Zusammenhalt und die Frage: Wie kann ich verbunden sein und trotzdem selbstbestimmt bleiben? Um gut auf andere zu schauen, darf man sich selbst nicht vergessen. Autonomie kam in einer Textzeile vor, wir haben damit gespielt, und irgendwann war „Apply Autonomy“ da.

Mira: Spannend sind die vermeintlichen Widersprüche, weil man glaubt, man könne nur für sich ODER für andere da sein. Dabei braucht das eine das andere. Ohne Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ist man auch in einer Gruppe weniger belastbar.

Wo endet eure Freiheit, weil Erwartungen und wirtschaftliche Realitäten mitentscheiden?

Nasti: Kompromisse gibt es. Mit welchem Label und Management wir arbeiten, was aufs Album kommt und wie das Cover aussieht, entscheiden wir. Ich wünschte, wir könnten bei Plattformen wie Spotify aussteigen. Solange sich das System aber nicht ändert, trauen wir uns diesen Schritt nicht zu.

Mira: Wenn Taylor Swift das macht, sind wir dabei, dann wird es ein Movement. (lacht)

Nasti: Mit manchen Medien reden wir nicht, weil wir gewisse Haltungen nicht mittragen. Als New­comerinnen hätten wir uns das vielleicht nicht getraut. Ich mag „Walk-away-Energy“: Bevor etwas völlig falsch läuft, lasse ich es hinter mir.

Beim Donauinselfest hat Nasti einen Aufruf auf der Bühne gemacht in Bezug auf sexuelle Belästigung und Zivilcourage. Kam Gegenwind?

Mira: Die Leute haben applaudiert. Nasti hat klar und faktenbasiert gesprochen. Trotzdem kommen bei solchen Aufrufen manchmal Männer mit „Aber nicht alle Männer“. Das hat ja auch niemand behauptet.

Nasti: Es ging um „If you see something, say some­thing“. Knappe Kleidung oder Nacktheit sind keine Einladung zur Belästigung. Danach fragte mich jemand, ob wir denn nicht weniger aggressiv auftreten sollten. Dabei war das nicht aggressiv, sondern eine ganz klare Haltung, deren Konsequenzen ich jederzeit tragen würde.

Wie sehr treffen euch sexistische Kommentare?

Mira: Für einen Videodreh liefen wir scheinbar nackt durch Wien, trugen Nude-Suits und wurden beim Dreh mehrfach belästigt. Der Boulevard machte daraus „Busen-Attacke“ und „Nackt-Alarm“. Das ist mir wurscht. Tiefer verletzen würde mich, wenn jemand sagt: „Hast gehört, die Kovacs hat sich aber ordentlich verspielt.“

Wie entstehen eure Songs?

Mira: Eine bringt eine fast fertige Idee oder nur ein Skelett, dann entwickeln wir gemeinsam weiter. Manchmal suchen wir nur nach einem Sound oder Vibe. Das ist erwachsenes Spielplatzspielen mit eigener Magie.

Nasti: Manchmal sind uns bestimmte Themen ein Anliegen, z. B. „Unlawfully Wedded“ handelt davon, dass Freund*innenschaften weniger Gewicht bekommen als romantische Beziehungen, obwohl sie so viel zusammenhalten.

My Ugly Clementine bei einem humorvollen Fotoshooting in schwarzen Anzügen und roten Strumpfhosen.
© Mala Kolumna

Wer hält die Fäden zusammen, wer ist pünktlich und wer morgens grantig?

Mira: Nasti hält die Fäden zusammen, ohne zu zügeln. Ich bin vorsichtig, hüpfe nie auf der Bühne und habe deshalb auch keine Nackenschmerzen. (lacht) Ich bin die unflexible Großtante der Band.

Nasti: Mira ist die Pünktlichste, dann Sophie, und ich bin Letzte. Ich schlafe lang und bin beim Frühstück die Grantigste. Sophie macht morgens ihren Frühstückstanz. Ich will oft zu viel und gebe ungern etwas ab.

Ihr geht regelmäßig als Band zur Super­vision …

Nasti: Man entscheidet gemeinsam über Geld, Kreatives und Zwischenmenschliches und lebt auf engem Raum. Darum muss man sich kümmern, wenn man sich weiterhin lieb haben möchte. Wir schauen uns unsere Dynamiken auch ohne akutes Problem an.

Wie geht ihr mit Begriffen wie „Powerfrauen“, „Girlgroup“ oder „Female Supergroup“ um?

Nasti: Kontext is everything. „Starke Frauen“ aus einem Gefühl von Sisterhood gesagt zu bekommen, fühlt sich anders an, als wenn der Veranstalter sagt: „Da kommt die Mädelsband.“ Feminismus ist im Mainstream angekommen und wird dort manchmal oberflächlich. Wir werden auch gebucht, um ein Line-up auszubessern, als wären Veranstalter mit drei Frauen auf der Bühne automatisch safe. Und weshalb gibt es Frauenmusik, aber keine Männermusik?

Mira: Unser Feminismus versteht sich nicht allein. Sexismus hängt mit kapitalistischen und kolonialistischen Strukturen zusammen. Wer nur für weiße Frauen aus der europäischen Mittelschicht kämpft, verändert wenig. Auch Frauen tragen sexistische Strukturen in sich und sind nicht automatisch Feministinnen.

Nasti: Die Welt ist nicht in Ordnung, sobald überall weiße Frauen in Führungspositionen sitzen. Wenn Elon Musk eine weiße Frau wäre, wären auch nicht alle Probleme slay. (lacht)
Mira: Das wäre dann so was wie „Turbokapital­feminismus“ (lacht) – als Anti-These zu unserer anti­kapitalistischen Einstellung.

Könnt ihr von „My Ugly Clementine“ leben?

Nasti: Allein davon nicht. Ohne Netz, das einen auffängt, ist es schwierig. Touren wird teurer. Wir unterrichten nebenbei und machen Theater- und Filmmusik bzw. Soloprojekte.

Mira: Genau, deswegen würde ich jungen Talenten immer raten: Stellt euch breit auf. Die österreichische Szene hat heute Netzwerke und internationale Verbindungen. Nur weil Ö3 mich nicht spielt, heißt das nicht, dass ich von Musik nicht leben kann – FM4 ist enorm wichtig. Trotzdem beutet man sich als Musiker*in oft selbst aus. Clemens Wenger sagte einmal sinngemäß: „Musikmachen muss man sich erst einmal leisten.“

Und ihr wollt noch ganz lange auf der Bühne ­stehen …

Nasti: Das beste Clementines-Album wird das sein, das wir mit 80 schreiben.

Mira: Und dafür wird es ein Publikum geben. In meinen frühen Zwanzigern hieß es ständig: „Du bist noch so jung und schon so …“ Dieses Kompliment hat ein Ablaufdatum. Wenn „jung“ der Sellingpoint ist, was soll ich dann mit 40, 50 oder 60 sein? Kompetenz sollte nicht ans ­Alter gekoppelt werden.

Ihr seid alle unter 40. Wie blickt ihr auf das Älterwerden abseits der Bühne?

Mira: Ich hatte zum Beispiel nie einen Kinderwunsch. Trotzdem frage ich mich, wie es sich anfühlen wird, wenn es biologisch nicht mehr geht, und wie ich meinen veränderten Körper erlebe. Mein Wunsch ist, dann sehr lieb zu mir zu sein und den Blick auf Alter mitzuverändern.

Nasti: Altern ist ein Privileg, das nicht alle haben. Wer Menschen verloren hat, versteht das Glück, älter werden zu dürfen. Und dann soll ich mich wegen eines Scheiß-Beauty-Standards weniger wert fühlen? Sicher nicht.

My Ugly Clementine im Bandporträt mit schwarzen Outfits, roten Strumpfhosen und ausdrucksstarkem Styling.
© Mala Kolumna

Im Herbst tourt ihr durch Deutschland, Frankreich, Niederlande, Schweiz und Österreich – sehr international!

Nasti: In vielen Ländern bauen wir unsere Fanbase erst auf und spielen in kleinen Clubs. Umso schöner ist jede Person, die danach zu uns kommt und uns anspricht.

Mira: Englischsprachiges Publikum versteht die Texte unmittelbarer. Mein Wunsch wäre daher, bald auch in Australien oder Kanada zu spielen. Und Osteuropa würde uns auch total taugen.

My Ugly Clementine: MEHR HIER!

Das könnte dich auch noch interessieren:

Parov Stelar erobert Gmunden

Steckerlfischfiasko: Sebastian Bezzel, Lisa Maria Potthoff und Simon Schwarz im Interview

Zeit zum Ausatmen: Filiah im Interview über ihre neues Album “A Deep Breath Out”

Abo

Wählen Sie Ihr persönliches Abo! Gerne können Sie das Abo auch verschenken.

×