Longevity: Frau trägt weiße transparente Kapuze, die wie Haare aussieht.

Longevity: Wie wichtig sind Gene oder teure Anwendungen?

Forever young?!

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© Unsplash/Hanen Souhail

Länger leben ist das eine – möglichst lange gesund bleiben das andere. Genau darum geht es bei Longevity. Welche Rolle Gene tatsächlich spielen, warum Bildung und Bewegung wichtiger sind als viele teure Anwendungen und welche Erkenntnisse die Altersforschung heute liefert.

Über kaum ein Gesundheitsthema wird derzeit so intensiv diskutiert wie über Longevity. Während Start-ups mit Infusionen, Kältekammern oder Nahrungsergänzungsmitteln werben und immer neue Hightech-Anwendungen ein längeres Leben versprechen, beschäftigt sich Corina Madreiter-Sokolowski mit einer viel grundsätzlicheren Frage: Warum altern wir überhaupt?

Die Molekularbiologin forscht an der Medizinischen Universität Graz zu den biologischen Mechanismen des Alterns und zählt zu den führenden österreichischen Wissenschaftlerinnen im Bereich Healthy Aging.

Österreich zählt längst zu den Ländern mit einer hohen Lebenserwartung

Frauen werden im Durchschnitt rund 84 Jahre alt, Männer etwa 80. Gleichzeitig verbringen viele Menschen ihre letzten 15 bis 20 Lebensjahre mit chronischen Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder Demenz nehmen mit zunehmendem Alter deutlich zu – und damit auch die Belastung für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem.
„Wenn wir den Alterungsprozess verlangsamen können, sinkt gleichzeitig das Risiko für viele altersbedingte Erkrankungen“, erklärt Madreiter-Sokolowski. Genau deshalb sei Altern selbst zu einem der spannendsten Forschungsfelder geworden.

Portrait von Corina Madreiter-Sokolowski
Corina Madreiter-Sokolowski, Molekularbiologin. © Med Uni Graz

Warum unsere Zellen altern

Die sichtbaren Zeichen des Alterns beginnen lange vor den ersten Falten – nämlich in unseren Zellen. Mit den Jahren verliert das Erbgut an Stabilität, auch die Mitochondrien, die Kraftwerke unserer Zellen, verändern sich. „Für praktisch alles, was in unseren Zellen passiert, brauchen wir funktionierende Eiweißstoffe“, erklärt Madreiter-Sokolowski. Genau diese biologischen Prozesse stehen heute im Mittelpunkt der Altersforschung.

Wie viel bestimmen unsere Gene?

Eine der beruhigendsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre: Unsere Gene entscheiden weit weniger über unser Altern als lange angenommen. „Der Lebensstil spielt vermutlich eine größere Rolle als unsere Gene“, sagt Madreiter-Sokolowski. Selbst Menschen mit einer genetischen Veranlagung könnten ihren Alterungsprozess positiv beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist das FOXO-Gen, das in einer besonders aktiven Variante häufig bei Hundertjährigen vorhanden ist und sich Studien zufolge auch durch regelmäßige Bewegung oder Fasten positiv beeinflussen lässt. „Wir sind unserer Genetik also nicht völlig ausgeliefert.“

Der Lebensstil spielt vermutlich eine größere Rolle als unsere Gene.

Die größten Hebel für ein langes, gesundes Leben

Wer auf ein Wundermittel hofft, wird enttäuscht. Der Schlüssel zu gesundem Altern liegt laut Madreiter-Sokolowski nicht im Labor, sondern im Alltag. Der größte Hebel sei Bildung: „Wer versteht, welche Entscheidungen der eigenen Gesundheit guttun, profitiert oft ein Leben lang davon.“ Ebenso wichtig seien eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung, regelmäßige Bewegung und soziale Kontakte. Gerade Letztere würden häufig unterschätzt. „Warum möchte man überhaupt länger leben, wenn man niemanden hat, mit dem man diese Zeit verbringen kann?“

Zwischen Wissenschaft und Marketing

Der Longevity-Markt boomt. Immer mehr Zentren werben mit Kältetherapie, Sauerstoffbehandlungen oder Vitamininfusionen. Madreiter-Sokolowski sieht viele dieser Angebote jedoch kritisch: „Im besten Fall sind manche Anwendungen Wellness. Für viele fehlen belastbare wissenschaftliche Belege.“ Problematisch sei zudem, dass mögliche Risiken oft kaum kommuniziert würden. „Alles, was eine Wirkung hat, hat auch Nebenwirkungen.“ Auch Nahrungsergänzungsmittel seien nicht grundsätzlich sinnvoll und sollten wirklich nur nach ärztlicher Abklärung eingenommen werden.

Was Ernährung wirklich leisten kann

Auch bei Ernährungstrends gilt für die Molekularbiologin vor allem eines: weniger Extreme, mehr Evidenz. Eine leicht reduzierte Kalorienzufuhr und Intervallfasten gehören zu den Maßnahmen, für die es wissenschaftliche Hinweise auf positive Effekte gibt – wobei Letzteres nicht für jede Person gleichermaßen geeignet ist.

Corina Madreiter-Sokolowski schaut in ein Mikroskop.
Corina Madreiter-Sokolowski, Molekularbiologin. © Med Uni Graz

Skeptischer sieht sie dagegen radikale Ernährungsformen. Weder Low Carb noch ein konsequenter Zuckerverzicht seien wissenschaftlich mit positiven Effekten belegt, wie häufig behauptet werde. Ähnlich verhält es sich mit dem derzeitigen Protein-Boom: Für Kraftsportler könne eine höhere Eiweißzufuhr durchaus sinnvoll sein, für gesunde Menschen berge eine dauerhaft sehr hohe Aufnahme jedoch auch Risiken. Statt auf kurzfristige Hypes setzt Madreiter-­Sokolowski auf einen oft unterschätzten Klassiker: Ballaststoffe. Sie fördern ein gesundes Darmmikrobiom, halten den Blutzuckerspiegel stabil und unterstützen damit wichtige Stoffwechselprozesse.

Altern verläuft nicht geradlinig

Vor allem eine Erkenntnis der aktuellen Altersforschung macht Hoffnung: „Altern verläuft nicht linear, sondern in Wellen“, erklärt Madreiter-Sokolowski. Es gibt Lebensphasen, in denen unser biologisches Alter kurzfristig schneller zunimmt, etwa durch starken Schlafmangel oder während einer Schwangerschaft. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Veränderungen dauerhaft sind. „Viele dieser Prozesse könnten sich wieder normalisieren. Das stimmt positiv, denn Altern ist nicht in jedem Fall eine Einbahnstraße.“

Longevity: Es ist nie zu spät

Auch wer glaubt, mit 60 oder 70 sei es ohnehin zu spät für einen gesünderen Lebensstil, irrt. Madreiter-Sokolowski verweist auf Studien zu ehemaligen Raucherinnen und Rauchern: Selbst wer erst mit 65 Jahren aufhöre zu rauchen, könne dadurch noch gesunde Lebensjahre gewinnen. Ausreden gibt’s also keine mehr … Auch eine Umstellung der Ernährung zeige oft erstaunlich rasch positive Effekte – etwa auf das Darmmikrobiom. „Unser Körper verzeiht erstaunlich viel.“

Ihr wichtigster Rat klingt deshalb fast verblüffend einfach: „Lesen Sie viel. Informieren Sie sich und greifen Sie unbedingt auf vertrauenswürdige und wissenschaftlich fundierte Quellen zurück. Gesundheitswissen ist einer der größten Faktoren für ein langes, gesundes Leben.“

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