Katrin Beierl

Katrin Beierl: Nichts hält die Bob-Pilotin auf!

Die Profi-Sportlerin im Interview

7 Min.

© Viesturs Lacis/IBSF

Was passiert, wenn eine Sportkarriere gleich mehrfach ins Wanken gerät – und man trotzdem nicht aufgibt? Bob-Pilotin Katrin Beierl kämpfte sich nach einem Schlaganfall und einer schweren Fußverletzung zurück aufs Olympia-Eis.

Katrin Beierl im Interview

Katrin Beierl gehört zu den erfolgreichsten Bob-Pilotinnen Österreichs – und zu den zähesten. Die 32-Jährige aus Himberg in Niederösterreich hat in ihrer Karriere nicht nur sportliche Höhen erlebt, sondern auch Rückschläge, die weit über das Sportliche hinausgehen. Ein Schlaganfall, ein Bruch am Fuß kurz vor Olympia und der permanente Druck im Spitzensport hätten viele gestoppt. Beierl nicht. Die Polizistin kämpfte sich zurück an die Weltspitze – mit klaren Zielen, viel Disziplin und einem Umfeld, das sie auffängt. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg in den Bobsport, vom Comeback nach ihren gesundheitlichen Rückschlägen und davon, warum Aufgeben für sie nie eine Option war. 

Wie bist du zum Bobsport gekommen?

Ich habe Leichtathletik betrieben, seitdem ich sechs Jahre alt war. Nach der Schule bin ich zum Studieren nach Innsbruck gegangen und wollte dort eigentlich auch damit weitermachen, aber es hat mir irgendwie nicht so gefallen. Die Kollegen meinten dann, ich solle zu den Bobfahrern gehen, die suchen immer Leute. Also habe ich mir die Nummer des damaligen Nationaltrainers besorgt – und so hat schließlich alles seinen Lauf genommen.

Wie fühlt es sich an, mit über 100 km/h durch einen Eiskanal zu fahren?

Das Coole ist, dass man einfach keine Bremse hat und immer schneller werden möchte! (lacht) Der Reiz liegt darin, so viel wie möglich mit den G-Kräften zu spielen und den Bob so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig zu lenken, damit man nicht unnötige Zentimeter und Meter fährt. Schwer zu beschreiben ist das Gefühl trotzdem. Vielleicht ein bisschen so, als würde man in einer langsamen Waschmaschine sitzen, weil man doch ziemlich hin- und hergeschüttelt wird. 

Was unterschätzen viele am Bobsport?

Die Arbeit, die man macht, wenn man nicht fährt. An einem normalen Weltcup-Trainingstag fahren wir insgesamt heiße drei Minuten Bob, arbeiten aber den ganzen Tag. Viele glauben, wir bekommen den Schlitten an den Start gestellt und fahren einfach nur runter. Aber so ist das im normalen Bobfahrerleben nicht. Unser Schlitten wiegt zwischen 170 und 183 Kilo – und den müssen wir selbst herumschleppen. Hinzu kommen die regelmäßige Wartung und die Materialarbeit. Allein das Richten der Kufen dauert ca. sechs Stunden pro Wochenende. Wir machen das alles selbst. 

Du hast 2022 während eines Urlaubs in Peru einen Schlaganfall erlitten – wie hast du diese Zeit erlebt?

Als ich im AKH die Diagnose erhielt, war für mich eigentlich klar, dass das das Ende meiner Karriere sein würde. Die Heimreise von Peru – wo das Ganze passiert ist – nach Wien hat rund 40 Stunden gedauert, da hatte ich genug Zeit, mich mental darauf vorzubereiten. Man googelt halt und die Optionen waren entweder eine Netzhautablösung, ein Gehirntumor oder ein Schlaganfall. Als die Ärztin dann zu mir sagte, dass es ein Schlaganfall gewesen sei, habe ich mir eigentlich gedacht: „Super, keine der beiden anderen Optionen! Das ist jetzt passiert, aber es wird zumindest nicht mehr schlechter.“ Und so war es im Endeffekt auch. Die Therapie und die Zeit danach waren natürlich nicht einfach und ich habe fast ein Jahr lang mit Schwindel gekämpft. Für mich war das eigentlich das Karriereende. Aber dann war mir nach zwei Wochen so fad, dass ich mir gedacht habe: „Nein, das geht so nicht!“ Ich habe durch Zufall in Innsbruck einen super Neurologen, Dr. Spiegel, gefunden und habe ihn gefragt, ob der Schwindel mit dem Bobfahren zusammenhängen könnte. Er wollte wissen, ob ich je bewusstlos war. Nachdem ich das noch nicht einmal nach einem Sturz war, meinte er, dass das keine Hirnschädigung davon sein könne und ich aus medizinischer Sicht weiterfahren könnte. Das war für mich entscheidend. Hätte er gesagt, dass es nicht geht, wäre ich nie wieder in den Bob gestiegen. 

Woher hast du die Kraft genommen, zurückzukommen?

Ich wollte einfach wissen, ob es noch geht. Irgendwann bin ich mit meinem kleinen Bruder, der selbst auch Bob fährt, nach Lake Placid gefahren – das ist eine der wildesten Bahnen. Da habe ich mir gesagt: „Wenn ich dort problemlos herunterkomme, kann ich auch wieder Weltcup fahren.“ Das hat funktioniert, und damit hatte ich die Bestätigung, die ich gebraucht habe.

Am emotionalsten waren die Medaillen nach dem Schlaganfall!

Katrin Beierl

Was war der emotionalste Moment deiner Karriere?

Die erste EM-Medaille war etwas Besonderes, weil sie völlig unerwartet gekommen ist. Am emotionalsten waren aber die Medaillen nach dem Schlaganfall. Vor allem die Erfolge im Monobob, weil auch die total unerwartet kamen. Ich dachte immer, wenn ich eine Medaille bekomme, dann im Zweierbob. Aber einfach so, an einem total normalen Samstag in Lillehammer stehst du dann da und bist plötzlich Zweite. Das war schon wirklich emotional. Dass ich das geschafft habe, hat einen großen Stellenwert für mich, weil ich jahrelang gekämpft habe, dass ich im Monobob überhaupt irgendwie gut bin. Plötzlich hat es funktioniert. Und das habe ich nicht nur einmal geschafft, sondern in der Woche darauf gleich wieder und dann kam auch noch der Vize-Europameistertitel! Auf diese drei Medaillen bin ich wirklich stolz. Und natürlich muss man auch noch den Gesamt-Weltcup-Sieg nennen. 

Kurz vor Olympia hast du dir auch noch den Fuß gebrochen. Was ist dir damals durch den Kopf gegangen?

Nicht viel, ich bin aus dem Gleichgewicht gekommen und blöd am Fuß gelandet. Mir war sofort klar, dass es etwas Schlimmes ist. Als der Bruch bestätigt wurde, habe ich direkt gesagt: „Die Option, nicht bei Olympia zu starten, gibt es nicht!“ – Zum Glück haben die Ärzte und das Österreichische Olympische Comité sofort nach Lösungen gesucht, und ich wurde innerhalb von 24 Stunden operiert. Alle anderen waren mal wieder viel gestresster als ich selbst! (lacht) Seit dem Schlaganfall habe ich viel mit meinem Hypno-Mentaltrainer gearbeitet und dadurch gelernt, positiv zu denken. Und das habe ich getan. Nach dem Bruch habe ich sofort versucht, die positiven Seiten zu sehen: Ich kann jetzt „Luxusbobfahren!“ (lacht) – ich muss keine Schlitten mehr schleppen, keine Kufen mehr polieren und schleifen. Ich muss einfach nur erscheinen und Bob fahren! (lacht) Natürlich musste ich mich mental darauf vorbereiten, denn das Schwierigste war, zu lernen, meinen Kopf auszuschalten, wenn ich auf den Fuß steige. Den Rest hat mein Team gemacht! Ohne sie, die Ärzte, die 24 Stunden auf Abruf waren, und die Physiotherapeuten, die mich teilweise viermal am Tag behandelt haben, wäre das niemals möglich gewesen.

Katrin Beierl
© Viesturs Lacis/IBSF

Wie zufrieden bist du mit dem neunten Platz bei Olympia?

Wir haben das Bestmögliche herausgeholt. Im Zweierbob ist der Materialnachteil brutal – da sind die ersten sechs Plätze eigentlich an Deutschland und die USA vergeben. Realistisch wäre der siebte Platz gegen die Schweizerinnen noch drin gewesen, das habe ich dann einfach nicht mehr geschafft. Im Monobob hätte wirklich etwas gehen können, das finde ich schade – aber darüber nachzudenken bringt nichts. Es war cool, dass ich bei beiden Bewerben starten konnte. Ich habe im Monobob die zwölfschnellste Startzeit hingelegt, also waren da 13 Leute langsamer als ich – und die hatten keinen gebrochenen Fuß. Darauf bin ich stolz. Eine Olympiamedaille ist sich in meiner Karriere nicht ausgegangen, dafür habe ich viele andere Dinge erreicht.

Du wirkst unglaublich resilient. Wie schaffst du das?

Man wächst mit seinen Challenges. Natürlich darf man auch mal ein paar Stunden oder einen ganzen Tag lang wirklich traurig und fertig sein. Aber am nächsten Tag braucht man wieder einen Plan, wie es weitergeht. Für mich war der Schlaganfall nichts anderes als eine Verletzung wie jede andere auch – nur eben eine deutlich schwerere. Beim Fußbruch war es ähnlich. Man kann die Situation nicht ändern, also muss man überlegen, wie es weitergeht.

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Einfach immer weitermachen. Irgendwann wird‘s schon gut!

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