Maria Bill: Wie schlafen diese Männer?
"I mecht landen" verbindet Generationen, sie schrieb eigene Songs, singt Édith Piaf und ist Schauspielerin: Die große Maria Bill im Interview
© Gabriela Brandenstein
Entschuldigen Sie, jetzt wurde es etwas spät“, sagt sie, während sie auf die Uhr im Café blickt. Die geht aber vor, Maria Bill ist sogar ein paar Minuten vor der vereinbarten Zeit da. „Ich hatte überlegt, mit der Straßenbahn zu fahren, jetzt bin ich doch zu Fuß hergelaufen“, spricht sie weiter, während sie schwungvoll Mantel und Schal ablegt – und sich durch die Haare fährt.
„Sie haben tolle Haare“, werde ich am Schluss des Gesprächs sagen – und mich dann ein bisschen dafür genieren, denn wir sind viel tiefer getaucht, als Äußerlichkeiten zu besprechen. Die Reaktion ist zu schön, um sie hier nicht anzuführen: „Ich schneide sie mir selber“, lacht die Künstlerin, die kürzlich sagenhafte 77 wurde.
In der Vorbereitung auf das Interview fand ich unter anderem einen Konzert-Trailer, den sie vor wenigen Jahren mit dem Akkordeonisten Krzysztof Dobrek aufgenommen hatte. Die beiden proben, performen auf der Bühne, sie singt mit ihrem ganzen Körper, hüpft vom Sessel, barfuß, leichtfüßig. „Das ist sonst nicht immer so, aber ja, auf der Bühne bin ich alterslos“, schmunzelt sie.

Sie schrieb eine Vielzahl an eigenen Songs, „I mecht landen“ verbindet bis heute Generationen. Maria Bill singt Édith Piaf, Jacques Brel und Kurt Weill; sie spielt Theater in Zürich, Paris, Berlin, ab der Gründung 1978 am Wiener Schauspielhaus – und zuletzt in Brechts „Die Dreigroschenoper“ im Theater in der Josefstadt (bis 2025). Und sie steht bis heute vor der Kamera. Freilich bietet ihr Leben Stoff für mindestens ein Buch, an diesem frostigen Jännertag picken wir einige spannende Kapitel heraus und blicken mit ihr auf die Welt heute.
Das Jahr ist noch jung, Ihr Konzertkalender schon gut gefüllt. Worin liegt für Sie die Magie der Bühne?
Maria Bill: Alles fing im internationalen Kinderdorf Pestalozzi (in der Schweiz, Anm.) an, das nach dem Zweiten Weltkrieg für die Kinder gegründet wurde, die ihre Eltern verloren hatten. Wir haben dort Tanzvorstellungen aufgeführt, die haben’s mir angetan! Die Bühne war nicht aus meinem Kopf zu kriegen.
Als ich meinem Vater (die Eltern arbeiteten im Kinderdorf, Anm.) erzählt habe, dass ich Schauspielerin werden will, hat er nur gesagt: „Ich hab’s befürchtet.“ Ich wäre immer schon ein Kasperl gewesen. Wenn wir Gäste hatten, hat er mich oft aufs Klavier gesetzt und gespielt und ich habe gesungen.
Sie haben kürzlich im Wiener Konzerthaus für rund 1.800 Menschen gesungen. Was ist die treibende Kraft?
Die Konzerte sind meine Lichtinseln. Die Voraussetzung ist gute Vorbereitung – und dann: fliegen! Mit dem Publikum verbindet mich die längste Liebesgeschichte meines Lebens; wenn es mir gelingt, es zu erobern, bin ich glücklich und dankbar.

Sie sangen dort – und werden es heuer auch bei den Schlosskonzerten in Halbturn tun – Édith Piafs „Je ne regrette rien“. Bereuen Sie etwas?
Wenn mir etwas einfällt, sage ich es Ihnen noch (lacht). Das ist eine wunderbare Metapher dafür, möglichst nicht so zu leben, dass man sich ständig durch die Augen der anderen zu sehen versucht, sondern dass man ein guter Mensch ist. Das bedeutet nicht fehlerfrei, aus Fehlern kann man ja lernen.
Was ist ein guter Mensch?
Einer, der ein Gewissen dafür entwickelt hat, wie er ein gutes Mitglied für die Gemeinschaft sein kann, der keine Dinge tut, die anderen wehtun, der nicht ungut zu anderen ist. Es bedeutet aber auch, sich zu öffnen, füreinander da zu sein, zu vertrauen.
Wir erleben gerade schwierige Zeiten …
Oh ja, die Situation erscheint mir gefährlich. Ich denke an den amerikanischen Präsidenten, den russischen, den nordkoreanischen, den ungarischen … Es werden Fake News verbreitet, worauf sollen Entscheidungen basieren? Wem kann man glauben? Ich schaue nicht gerne Nachrichten, aber ich tue es, um informiert zu sein, um ein Bild zu bekommen, das möglichst der Wahrheit entspricht. Ich beneide die jungen Menschen von heute nicht, dagegen hatte ich eine unbeschwerte Jugend.
Sie sind in der Schweiz geboren und leben seit vielen Jahren in Wien. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich bin zur Welt gekommen – und nicht „zur Schweiz“, so fühle ich mich auch. Im Kinderdorf sind damals Kinder aus zwölf Nationen gemeinsam aufgewachsen, das war mein Grundstein fürs Offensein für das Andere und dafür, dass das Fremde keine Angst macht. So wurde ich neugierig auf die Welt. Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich Freunde und Familie habe.
Ihre Eltern wollten, dass Sie zunächst eine Ausbildung als Lehrerin machen, ehe Sie sich der Kunst widmen, waren Sie da sauer?
Ja, das passte so gar nicht in meine Träume. Mein Vater hat darauf bestanden, dass ich einen anständigen Beruf erlerne, auf den ich immer zurückgreifen kann, wenn ich einmal brotlos oder ohne Engagement herumsitze. Er hat auch von einer „Besetzungscouch“ gesprochen, erst später realisierte ich, was er damit meinte. Aber nicht, weil es mir passiert ist, sondern weil ich immer wieder davon gehört habe.
Was sagen Sie zu MeToo?
Ich finde die Bewegung sehr wichtig und dass Frauen auch davon öffentlich berichten, wie sie von Männern unter Druck gesetzt werden. Das ist bis heute so – und ich verstehe nicht, warum die Gleichberechtigung nicht längst zur Normalität geworden ist. Nach wie vor gibt es mächtige Männer wie Epstein mit grauenvollen Machenschaften.

Wenn Besitz und Macht wichtig sind, verliert man sich selbst und andere aus den Augen.
Das sind doch Menschen, die sich auch mal von einer Mutter haben trösten lassen. Haben sie vergessen, dass eine Frau genauso viel Respekt verdient? Wie können diese Männer, die Kriege antreiben oder Verbrechen an Frauen begehen, schlafen? Ich habe einmal ein Lied darüber geschrieben, „Die Gewissen“. Darin werfen Menschen gegen Bezahlung ihr Gewissen ins Feuer, worauf die ganze Welt verbrennt, weil dieses Feuer mit Wasser nicht zu löschen ist.
Darf ich Sie fragen: Sie und Michael Schottenberg haben sich getrennt – und sind heute freundschaftlich verbunden, wie ist Ihnen das gelungen?
Eine seiner letzten Inszenierungen am Volkstheater (er war dort Direktor, Anm.) war besonders schön: Brechts „Sieben Todsünden“ mit der Musik des genialen Kurt Weill. Als wir das Stück erarbeitet haben, lebten wir bereits getrennt, aber das erfolgreiche Ergebnis war die Ernte unserer 35-jährigen Zusammenarbeit.
Er wusste, wie ich ticke; wir haben uns immer gut ergänzt. Es hat Jahre gedauert, bis wir uns privat so begegnen konnten, dass es sich richtig anfühlt und die alte Vertrautheit wieder zum Vorschein gekommen ist. Irgendwann hat unser Sohn auf die Frage, wie es dem anderen geht, gesagt: Frag ihn oder sie doch selber. Recht hat er gehabt!
Was braucht es dafür?
Dass man sich auf einer neuen Ebene wieder öffnen kann, ohne die Vergangenheit „aufzurollen“. Sonst macht man die Chance des Neuanfangs möglicherweise im Moment kaputt. Das singt auch die Piaf: Es ist bezahlt, es ist weggewischt und vergessen – also verarbeitet. So kann man dem Neuen entgegengehen. Das kann ein schöner Moment sein, ein gemeinsames Essen, das man wieder genießen und bei dem man sich austauschen kann.
Christine Nöstlinger hat gesagt: Glück ist etwas für Augenblicke. – Das ist zufällig eine schöne Brücke: Sie standen für zwei „Franz-Geschichten“, also zwei Familienkinofilme, vor der Kamera. Wie haben Sie das erlebt?
Im ersten Teil hatte ich eine kleinere Rolle, im zweiten eine schöne größere. Das hat großen Spaß gemacht! Mit Kindern zu drehen ist sowieso wunderbar, weil sie so direkt und authentisch sind. Ich spiele darin eine grantige Nachbarin, aber als diese Frau die Ängste von Franz erkennt, erzählt sie ihm auch von ihren – und am Schluss rettet der Kleine sie. Solche Rollen wünsche ich mir mehr!

Mit dem Publikum verbindet mich die längste Liebesgeschichte meines Lebens.
Auf welches Lebenskapitel blicken Sie gerne zurück, auf welches weniger?
Das kann ich kaum beantworten, weil alles eins ist – alles bin ich. Aber eine der schönsten Zeiten war sicher, als ich nach Zürich an die Schauspielschule durfte. Da dachte ich, ich kann endlich mein Leben in meine Hände nehmen und in die Welt hinausgehen. Dann war ich in Berlin, Paris – und in Wien, wo ich geblieben bin, und die Welt kam zu mir, als sich die Grenzen öffneten. Heute hoffe ich, dass die Grenzen weiterhin offen bleiben – für den Frieden.
Sie sagten, Sie wuchsen damit auf, keine Angst vor dem Fremden zu haben. Was bräuchten wir heute, um offener aufeinander zuzugehen?
Zunächst sollte jeder herausfinden, was ihn selber ausmacht, und damit klarkommen, was er hat, ohne raffgierig oder neidisch zu sein. Wenn Besitz und Macht wichtig sind, verliert man sich selbst und andere leicht aus den Augen. Wenn man mit sich im Reinen ist, kann man auf das Andere neugierig zugehen und bereichert werden. Wenn wir die Dinge auf den Inhalt reduzieren, wenn wir es einfach schön finden, dass wir uns hier austauschen, dann spielen Macht oder Besitz keine Rolle. Brel singt: „Quand on n’a que l’amour“ – wenn nur mehr die Liebe bleibt, dann gehört uns die Welt.

Termine
27.02.2026
“Quand on n’a que l’amour” Maria Bill singt Jacques Brel”
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08.03.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT
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09.03.2026
Mitwirkung beim Konzert zum Weltfrauentag, Grazer Oper, Gastgeberinnen Schick Sisters, Musikalische Begleitung OPUS-Band
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23.04.2026
Maria Bill singt Edith Piaf und Jacques Brel Besetzung
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29.05.2026
Maria Bill singt Edith Piaf und Jacques Brel
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11.06.2026
Maria Bill singt Edith Piaf und Jacques Brel
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25.07.2026
Maria Bill singt Edith Piaf und Jacques Brel
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01.08.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT
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16.10.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT
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22.10.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT
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23.10.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT
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12.11.2026
Maria Bill singt Edith Piaf DAS KONZERT