Dragqueen Ryta Tale in einem opulenten blau-pinken Kleid

Ryta Tale: „Drag ist meine künstlerische Befreiung“

Im Gespräch erzählt Ryta Tale von ihrer Kindheit im Burgenland, ihrer Drag-Figur und der Freiheit, die sie auf der Bühne findet.

6 Min.

© Sigrid Mayer-Frühauf/Atelier Égalité

Aufwendiges Make-up, imposante Perücke, Schaumstoffpolster an den Hüften und 10-cm-Absätze, mit denen ich nicht gehen könnte: Ryta Tale ist ein Auftritt, noch bevor sie ein Wort sagt. Im Rathaus Oberpullendorf, wo am Abend das Musical „Daham“ Premiere feiern wird, empfängt sie mich gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv Butz & Reineke herzlich. Dann ziehen wir uns zum Gespräch zurück.

„Das hier ist ein jahrelanger Traum von mir“, sagt Ryta. „Ich lieb die Burgenländerin.“ Das Magazin liegt bei ihrer Familie im Lokal auf: Ryta ist als „Gastrokind“ in Stadtschlaining aufgewachsen, ihre Mutter führte dort ein Lokal, das mittlerweile ihrer Schwester gehört: das „Mamsell Lieu“.

In Oberschützen ging Ryta ins Wimmer-Gymnasium, später studierte sie am Performing Center Austria. Danach arbeitete sie als Musicaldarstellerin. Drag faszinierte sie schon lange, doch erst im Lockdown 2020 fand sie Zeit, es selbst auszuprobieren.

Eine Hommage an ihre Familie

Der Name Ryta erinnert an ihre Großmutter Rita, die sich viel um Ryta und ihren Zwillingsbruder kümmerte. „Für mich war Drag immer eine große Hommage an Frauen, die mich mein Leben lang geprägt haben“, sagt sie. Auch ihre Mutter und ihre Schwester gehören dazu. Vor Kurzem widmete Ryta ihrer Großmutter den Song „See me now“.

Ryta Tale ist im wahren Leben Michael Postmann. „Privat lebe ich als Mann. Auf der Bühne verkleide ich mich als Frau.“ Die Verwandlung dauert rund zwei Stunden: Make-up, Perücke und Kostüm gehören zum Ritual. „Man erkennt mich ungeschminkt nicht“, sagt sie.

Trotz der aufwendigen Maske seien Michael und Ryta einander nah. „Ich rede gleich, gleiche Stimmlage, gleicher Dialekt.“ Schon als Kind tanzte Michael durch das heimische Wohnzimmer und seine Mutter schwärmte: „Unser Michael, der wird mal Schauspieler!“ Später kamen Gesang und Tanz dazu und so war der Weg zum Musical nicht mehr weit.

Als Ryta moderiert Michael Veranstaltungen, legt als Drag-DJ auf und tritt bei Drag-Bingos auf. Die Kunstfigur bringt für ihn eine besondere Energie mit: „Die Komponente Drag legt immer noch einen drauf.“ Zugleich soll die Community offen für alle sein. „Wir wollen ein Daham für alle Menschen sein, die sich bei anderen Veranstaltungen nicht so wohl fühlen.“

Queere Geschichten auf der Bühne

Das Musical „Daham“ erzählt von fünf Menschen und ihren Fragen rund um Liebe, Erwartungen und Zugehörigkeit. Ryta spielt Nanni aus dem Südburgenland: Sie datet viel, küsst Frösche und sucht insgeheim nach der großen Liebe.

Am Vormittag des Interviewtages spielte das Ensemble das Stück als Vor-Premiere vor Schulklassen. Bei einem Kuss zwischen zwei Männern auf der Bühne habe es im Publikum hörbare Reaktionen gegeben – ein „Naaa“ oder „Wäääh“, wie Ryta erzählt. Sie erinnert sich an ihre eigene Schulzeit in Oberschützen: Queere Menschen kannte sie kaum. Erst in einer Musical-Hobbygruppe lernte sie einen schwulen Kollegen kennen. Durch ihn traute sie sich mit 16, sich zu outen. „Davor wusste ich gar nicht, wo ich andocken sollte.“

Sie hätte sich damals gefreut, queere Geschichten auf einer Bühne zu sehen. Vielleicht saßen auch heute Jugendliche im Publikum, die etwas davon mitnehmen konnten. „Wenn auch der super-hetero Bursch mal sieht, dass Männer auch Männer lieben können. Muss ja gar nicht für ihn passen, aber einfach sehen: Das gibt es, das ist auch normal.“

Für Ryta kann ein Musical ein sanfter Weg sein, solche Themen anzusprechen. „Musical ist ein Instrument, mit dem man Queerness ein bisschen sanfter servieren kann.“ Vielleicht denkt jemand erst später darüber nach, wenn die Vorstellung längst vorbei ist.

Michael weiß, wie es sich anfühlt, die eigene Queerness verstecken zu wollen. Als Jugendliche hörte er Slipknot und fuhr aufs Nova Rock, weil ihm das damals besonders männlich vorkam. Heute sagt Ryta lachend: „Ach Gott, du kleines Würstel, wär doch wurscht gewesen, hörst halt die No Angels.“ Ihre Mutter sei immer ihr „Fan Number One“ gewesen; auch ihr Zwillingsbruder und ihre Schwester unterstützten sie.

© Sigrid Mayer-Frühauf/Atelier Égalité

Musical ist ein Instrument, mit dem man Queerness ein bisschen sanfter servieren kann.
Ryta Tale

Freiheit zwischen zwei Bühnen

Michael steht als Musicaldarsteller derzeit unter anderem in „West Side Story“, „Lass uns die Welt vergessen“ und „Chicago“ auf der Bühne. Ryta tritt parallel als Dragkünstlerin auf. „Ich mach beides hauptberuflich.“ Am liebsten sei es ihr, wenn beide Welten zusammenfinden, wie bei der Pride-„Fledermaus“, wo sie mit Conchita Wurst auf der Bühne stand.

Drag kostet viel Zeit und Geld. Perücken, Make-up, Nägel und Outfits gehören dazu. „Ich bin ein ganzes Theater in einer Person“, sagt Ryta. Alles organisiert sie selbst – von Kostüm und Maske bis zu Proben und Choreografien. Im Musical geben Regisseur*innen oft genau vor, wie eine Szene gespielt wird. In Drag kann sie ihre eigene Handschrift stärker einbringen: „Da kann ich 100 Prozent meine Kreativität ausleben. Drag ist meine absolute künstlerische Befreiung.“

Natürlich gibt es anstrengende Phasen. Dann gilt das Theater-Mantra: „The show must go on.“ Ryta stand schon oft krank auf der Bühne, weil es meist keinen Ersatz gibt. Auch für ihre Beziehung bedeutet der volle Kalender eine Herausforderung. Ihr Partner arbeitet in einem klassischen Büroalltag, während Ryta häufig bis spät probt oder spielt. Dass er sie unterstützt, rechne sie ihm hoch an.

„Daham“ ist für Ryta kein bestimmter Ort. „Das ist ein Gefühl. Das sind Personen, Freundesgruppen, das kann auch die Arbeit sein.“ Butz & Reineke sei für die fünf im Kollektiv ein kreatives Zuhause, in dem sie gemeinsam schreiben, inszenieren und choreografieren können.

Und wenn nur eine einzige Person im Publikum merkt, dass auch die eigene Geschichte Platz hat, dann können sie in diesem Moment für diese Person ein Daham sein.

Hier der Wordrap mit Ryta Tale 👇

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Mehr Informationen

Daham – Das Musical

Weitere Termine:
• Wien: 3.11.
• Güssing: 5.11.
• Eisenstadt: 20.11.
• Mattersburg: 26.11.

www.butzreineke.at

Instagram: @rytatale

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