Verschwommene pinke, lila und blaue Farben

Nicht immer alles geben: Wie Arbeit Gesundheit fördern kann

Psychologinnen Neşe Oktay-Gür und Fee Kalter im Gespräch

10 Min.

© Pexels/Martin de Arriba

Sie wirken ein bisschen, als wären sie in Miraculix‘ Zauberkessel gefallen: Mehr als ein Liter fassende Trinkbecher thronen auf vielen Schreibtischen – aktuell oft mit einer Skala und motivierenden Sprüchen versehen, wie „los geht’s“, „denk an dein Ziel“ oder „gib nicht auf“. Apps, die an Trinken und Atemübungen erinnern, gibt es schon längst. Sind wir dermaßen gestresst, dass wir uns nicht einmal Zeit zum Trinken und Atmen nehmen? Mein Großvater hatte ein Leben voller Schicksalsschläge und Armut, er arbeitete viel und gern, ehe er mit knapp 90 starb. Für ihn war es ein Rätsel, wie jemandem – heute, in unseren Breitengraden – der Magen knurren kann, während der Kühlschrank voll ist.

„Nicht immer alles geben“ lautet Neşe Oktay-Gürs und Fee Kalters kühner Weckruf in Buchform. Der Nachsatz der deutschen Psychologinnen: „Wie wir arbeiten ohne auszubrennen“. Dabei handelt es sich nicht um eine Anleitung zum Zurückzulehnen, sondern um Lösungsansätze für eine gesündere Arbeitskultur. „Wir wollen nicht, dass die Menschen nichts mehr geben, auch nicht, dass sie nur noch ein bisschen geben, sondern dass sie nicht immer alles geben, so dass am Ende nichts übrig bleibt. Sie sollen gerne manchmal alles geben und manchmal nur manches geben, so dass sie sich nicht selbst ausbeuten – eine Entwicklung, die wir immer mehr beobachten“, beschreibt Neşe Oktay-Gür.

Sie und Fee Kalter hatten einander vor rund vier Jahren bei einem Online-Frauennetzwerk kennengelernt und es funkte sofort – beruflich und privat. Daraufhin stieg die neue Freundin aus Kassel in das Beratungsunternehmen in Neuss ein, dass Fee Kalter mit ihrem Mann gegründet hatte. Heute ist das Frauenduo in der Geschäftsführung der GmbH namens NAP!. Ihre Mission: Führungskräfte und Mitarbeiter:innen so auszustatten, dass sie nachhaltig glücklicher (und gesünder) und ihr Unternehmen erfolgreich macht.

Im Gespräch mit Fee Kalter und Neşe Oktay-Gür

Zwei Psychologinnen im Coaching und in der Unternehmensberatung. Was hat euch in den Wirtschaftsbereich geführt?

Neşe Oktay-Gür: Das ist einerseits ungewöhnlich, andererseits ist gerade unser wissenschaftlich fundiertes Studium der Grund, warum wir unabhängig voneinander zur Erkenntnis kamen, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass das Gesundheitssystem heilend wirkt. Prävention und Fürsorge müssen Teil der Arbeitswelt sein, wir können das nicht allein zu einer Privatsache machen. Wir müssen individuell verstehen, welche Rolle Arbeit für uns hat. Sie hat das Potenzial, total positiv auf unser Wellbeing zu wirken.

Fee Kalter: Wir werden den Ansatz von Prävention immer mehr brauchen. An dem Platz, wo wir den Hauptteil unseres Tages verbringen, sollten wir nicht nur versuchen, Krankheit nicht auszulösen, sondern Gesundheit zu fördern.

Neşe: Der Stellenwert der Arbeit verändert sich laufend und wird unterschiedlich erlebt. Bei bestimmten Tätigkeiten sind auch heute die Grenzen ganz klar. Das kann bedeuten, dass man genau weiß, wann die Schicht endet und man sich anderen Themen widmen kann, aber auch, dass die Arbeit klar die Funktion der Sicherstellung der Existenz hat. Die Entwicklung, dass Grenzen zunehmend verschwimmen, betrifft eine bestimmte Zielgruppe: Menschen, die den Luxus haben, dass sie einer Tätigkeit nachgehen, in der sie zu einem bestimmten Teil Erfüllung finden. Das ist super, wenn wir uns mit einem Thema so identifizieren können, dass dabei auch unser Privatleben stattfindet. Bis es vielleicht nicht mehr so ist und wir uns fragen müssen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht arbeite?

Wir erleben Menschen, die in Terminen und Arbeit schwimmen, die kaum runterkommen und ein Auge zukriegen können. Das ist nicht „nicht normal“ im klinischen Sinne, also ohne dass das jetzt eine Diagnose ist. Das ist nicht der Zustand, in dem wir sein sollten, auch wenn wir das gemeinsam zur „neuen Normalität“ gemacht haben. Grenzen sind der Schlüssel. Nur wenn es Momente gibt, in denen wir nicht arbeiten, können wir uns mental erholen, uns wieder aufladen – und leistungsfähig bleiben.

Fee: Wir erleben schon lange Transformationsprozesse, aber heute ist das noch einmal anders: Wir haben die Möglichkeit, mit der ganzen Welt sozusagen im Live-Ticker-Format zu kommunizieren. Gerade wenn wir einer PC- oder Wissensarbeit nachgehen, gibt es keine organischen Grenzen mehr. Wir sind dauerhaft damit konfrontiert, etwas für unsere Arbeit machen zu können – beispielsweise mit Mails am Handy. Wir müssen selber lernen, Grenzen einzuhalten.

Ziel ist nicht ein stressfreies Leben, sondern eines, in dem wir uns von Stress erholen können.

Neşe Oktay-Gür, Psychologin

Ihr setzt euch mit der Hustle Culture kritisch auseinander. Was steckt dahinter?

Fee: Es gab sie schon davor, aber ihren Höhepunkt erlangte die Hustle Culture (to hustle=hart arbeiten, Anm.) im Silicon Valley. Es geht um die Vorstellung, alles schaffen zu können, wenn wir uns nur genügend antreiben und anspornen; demnach müssten wir nur möglichst viel geben, um erfolgreich zu werden. In dieser Bubble gilt: viel Geld, viel Ansehen und „dann bin ich wer“. Man orientiert sich an Erfolgsbeispielen, wo aus der Garage Milliardenunternehmen aufgebaut wurden. Das vermittelt: Wenn du alles gibst und es sehr willst, kannst du alles schaffen. Was dabei vergessen wird, sind die Rahmenbedingungen, Startmöglichkeiten – und dass auch Erholungsphasen dazugehören.

Neşe: Es ist oft die Rede von erfolgreichen Männern, die Studienabbrecher sind. Es brauche also nichts anderes, außer genial zu sein und alles zu geben, dann würde einem die Welt offen stehen. Das sind aber selektierte Geschichten, die zelebriert und weitererzählt werden. Dabei wird selten darauf geschaut, was die Leute beispielsweise erben, welche Möglichkeiten sie haben. Das ist nicht so ein Ansporn, dann könnte man ja kritischer werden. Als Gesellschaft profitieren wir davon, wenn jeder denkt, seinen Job nur besonders spektakulär machen zu müssen, damit ihm alle Türen offen stehen. Aber das ist nur bis zu einem gewissen Punkt wahr – und das sage ich als soziale Aufsteigerin. Es hängt nicht nur davon ab, was man leistet, sondern etwa auch davon, welche Leute man unterwegs trifft, welche Chancen sich ergeben.

Fee: Hinzu kommt, dass das Ganze moralisch aufgeladen ist: „Leistung ist gleich Wert“ treibt den Hustle Culture-Gedanken stark voran. Wenn aber nun mein Selbstwert – darauf gehen wir intensiv im Buch ein – stark mit meiner Leistung verknüpft ist, und ich keine anderen Inseln habe, ist das Futter für immer alles geben.

Neşe: Aber wann merke ich, dass es genug ist? – Auch hier entsteht eine Grenzenlosigkeit.

Fee Kalter und Dr. Neşe Oktay-Gür stehen nebeneinander auf einer Straße
© Matthes Kalter

Angst vor dem Wochenstart, Angst vor einer Führungskraft – welche Auswirkung hat Angst für Mitarbeiter:innen und Unternehmen?

Neşe: Angst ist erst einmal eine wichtige und richtige Grundemotion. Zum Problem wird sie – ähnlich beschreiben wir das bei Stress –, wenn Angst dort entsteht, wo sie nicht angebracht ist. Im Arbeitsleben sichert sie nicht unser Überleben, sondern festigt Mechanismen. Es wurde vor gar nicht so langer Zeit noch unironisch diskutiert, ob eine „gesunde“ Portion Angst oder Charisma ein besseres Mittel sei, Menschen zu führen. Wir wissen aber, dass Angst nicht unbedingt ein Zustand ist, in dem wir voll über unsere kognitiven Fähigkeiten verfügen. Sie nützt also nur jenen, vor denen wir Angst haben; mit Angst werden Hierarchien aufrecht erhalten.

Angst ist auch ein sogenannter aversiver Zustand. Wir wollen sie möglichst loswerden – und wählen oft kurzfristige Lösungen, anstatt uns weiterzuentwickeln, etwa mit einer schreienden Führungsperson auf Konfrontation zu gehen. Gelingt es, eine Person kurz zu regulieren, fällt die Angst ab – und wir lernen: Manchmal funktioniert es doch. Die Hoffnung bestätigt uns und das hält den Teufelskreis der Angst aufrecht. Aber Angst ist schlecht für Wohlbefinden, Kreativität und alles andere mehr.

Stimmt die Annahme, dass Kreativität psychologische Sicherheit braucht?

Fee: Das würde ich eingeschränkt sehen. Wir müssen uns gut eingebunden fühlen, um eine tolle Form von Kreativität freisetzen zu können. Dabei geht es auch um den Flow, den man durch ein angemessenes Stresslevel erreichen kann, man muss ja auch ein Stück weit wachsam sein. Maximaler Stress nach dem Motto „unter Druck entstehen Diamanten“ ist nicht hilfreich, aber wir wissen, dass psychologisch sichere Teams deutlich leistungsfähiger sind, mehr außerhalb der Box denken und eine bessere Problemlösefähigkeit entwickeln können

Neşe: Kreativität gibt es auch dort, wo keine psychologische Sicherheit herrscht, aber sie fließt dann eben nicht in die Produktivität, sondern in die Beziehungsgestaltung. Wir kennen viele Beispiele, wie kreativ Mitarbeiter:innen im Sozialen sein können, wenn sie beispielsweise die Mittagspause geheim machen oder darauf achten, dass sie einzelne Entscheidungen an Termine legen, wo jemand bestimmtes auf Dienstreise ist. Kreativität dient da ein bisschen dem (Wieder)Herstellen von Sicherheit, Beziehung, Klarheit. Angst ist nicht das Gegenteil von psychologischer Sicherheit, die braucht es nicht unbedingt, aber es braucht Klarheit in den Beziehungen, damit Kreativität bei der Leistung ankommt.

Buchcover "Nicht immer alles geben. Wie wir arbeiten ohne auszubrennen" von Dr. Neşe Oktay-Gür und Fee Kalter
© leykam

Ich picke einen Satz aus eurem Buch: „Stress ist nicht als Dauerzustand gedacht.“ – Wieso betont ihr das?

Neşe: Das rührt daher, wie Stress heute gelebt wird – nämlich häufig als Statussymbol. Ein verbreitetes Narrativ besagt, Stress zeige Bedeutsamkeit an, dass man seinen Job gut macht, gefragt ist – und dass dieser Zustand dauerhaft aufrecht zu erhalten ist. Stress ist nicht der Feind, er macht uns auch leistungsfähiger. Ziel ist nicht ein von Stress bereinigtes Leben, sondern eines, indem wir uns von Stress auch erholen können. Die Frage ist immer: Was ist der Gegenpol? Wann gehst du in den Urlaub?

Fee: Wir müssen auch sehen, was Stress eigentlich ist: eine Reaktion auf mentaler und körperlicher Ebene. Wir werden aktiviert, um schnell reagieren zu können, das macht evolutionär Sinn. – Ist da etwas Bedrohliches? Werde ich angegriffen? Muss ich schnell reagieren? – Das System ist so gedacht: schnell aktivieren und schnell wieder runterfahren können. Eben das gelingt aber nicht leicht, weil dauerhaft etwas Neues reinkommt – bei mir jetzt beispielsweise in den letzten Minuten sieben Mails.
Auf dem High Level weiterlaufen kann ein Faktor für viele Krankheitsbilder sein. Wenn wir in unseren Workshops oft fragen, welche Stressreaktionen die Teilnehmer:innen kennen, antworten sie oft: Tinnitus, ohnmächtig werden, Herzinfarkt etc. – Aber da gibt es auf jeden Fall welche, die schon viel früher da sind, aber leider normal geworden sind. Wir erleben Stress als Normalität.

Die Faustregel bei akutem Stress: Körper vor Kopf.
Bewegung vor Zerdenken.

Fee Kalter, Psychologin

Was sind frühere Reaktionen?

Fee: Feuchte Hände, Herzklopfen, schnellere flache Atmung, flaues Gefühl im Magen, schlechter Schlaf, Grübeln, Kopfschmerzen, …

Neşe: Eine Sache, die wir häufig nutzen: Partner:innen und Familie fragen; die Menschen um uns herum haben oft einen besseren Blick auf uns.

Was braucht es für die von euch im Buch beschriebene Stresskompetenz?

Neşe: Zunächst einmal zu wissen, was bei mir los ist. Es bedeutet, die eigenen Reaktionen zu kennen, ab wann ich gestresst bin, welche Dinge Stress auslösen. – Sind es äußere oder innere Prozesse? Setze ich mich selber unter Druck und habe einen sehr hohen Anspruch an mich?
Erst danach kommt der finale Schritt, den wir uns alle ein bisschen schneller wünschen: zu schauen, was kann ich dagegen machen. Es gibt manchmal einfache Interventionen, die auf die Ursachen abzielen. Das kann ein Noise Cancelling-Kopfhörer sein oder die Emails nicht mehr so oft abzurufen. Natürlich gibt es auch Stressoren, die nicht zu beeinflussen sind: etwa wenn das Unternehmen, für das ich arbeite, Stellen abbaut. Aber ich kann trotzdem für mich sorgen: indem ich weiß, wie ich meine Emotionen und meine körperlichen Reaktionen besser reguliere, vielleicht durch Sport.

Fee: Wir geben bei akutem Stress gerne als Faustregel mit: Körper vor Kopf. Bevor wir anfangen, Dinge zu zerdenken, Lösungen zu suchen, hilft es, den Körper ein bisschen zu entlasten, ihn in Bewegung zu bringen. Der Stress, der sich im Körper aufgebaut hat, muss erst einmal abgebaut werden, auch bei kleinen Dingen, dann können wir besser vernünftig denken – und uns besser in die Beziehungsgestaltung vertiefen. Daraus resultiert unsere zweite Faustregel: Beziehung vor Sache.

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