Selbstbild-Gap: Traurige, junge Frau mit Sonnenstrahlen.

Selbstbild-Gap: So stärkst du deinen Selbstwert

Frauen können alles. Außer an sich selbst glauben. Der weibliche Selbstbild-Gap macht weniger erfolgreich, weniger leistungsstark und weniger glücklich. Zeit, umzudenken.

4 Min.

© Unsplash/Matteo Vistocco

Zahlreiche Studien belegen, was Frauen täglich erleben: Sie sind deutlich selbstkritischer und bewerten ihre eigene Leistung niedriger als Männer – selbst dann, wenn objektive Einschätzungen gleich ausfallen. Das Selbstbild-Gap bei Frauen ist um ein Viertel stärker ausgeprägt als bei Männern – je nach Kontext zwischen 20 und 30 Prozent. Die Konsequenzen sind weitreichend: Selbstzweifel bremsen unternehmerische Entscheidungen, verhindern Karriere-Risiken samt Wachstum und schmälern nicht zuletzt die innere Zufriedenheit.

Wir leben immer noch in einer Kultur, in der die weibliche Kompetenz häufiger hinterfragt wird – leise, subtil, aber konstant. Gesellschaftlich wirkt Selbstsicherheit bei Frauen schnell als Überheblichkeit. Wer sich sichtbar macht, riskiert soziale Sanktionen. Wer zweifelt, gilt als sympathisch und auf dem „Boden geblieben“. Frauen lernen daher, ihre Erfolge zu relativieren und ihre Defizite zu vergrößern. So entsteht das Selbstbild-Gap bei Frauen nicht nur aus Unsicherheit, sondern aus Sozialisierung. Nicht aus fehlender Leistung, sondern aus einer Umgebung, die Frauen dazu erzieht, ihre eigenen Stärken leiser zu denken.

Warum es Zeit ist, die Muster zu durchbrechen, und wie Frauen ihr Selbstbild neu kalibrieren können, weiß die Grazer Female-Leadership-­Trainerin Verena Böhm.

Portrait Verena Böhm, Grazer Female-Leadership-­Trainerin
Verena Böhm, Grazer Female-Leadership-­Trainerin. © Brandimages

Woran erkennen Sie, dass Frauen nicht an fehlender Kompetenz, sondern an einem verzerrten Selbstbild scheitern?
Verena Böhm: Ich erlebe Frauen, die genau wissen, was sie können. Was ich jedoch wahrnehme, ist, dass sich die vorherrschenden Macht- und Konkurrenzmechanismen in vielen Führungsetagen für einige Frauen nicht stimmig anfühlen. Diese schrecken vor allem zu Beginn der Karriere viele Frauen ab – und lassen sie an sich zweifeln.

Welche Denk- und Bewertungsmuster verstärken das Selbstwert-Gap bei Frauen am stärksten?
Viele dieser Muster sind weniger innerlich, als wir glauben – sie entstehen im Außen. Studien zeigen, dass Frauen, insbesondere attraktive, sich stärker behaupten müssen als Männer mit gleicher Qualifikation, weil sie schneller negativ bewertet werden. Der hohe Anspruch entsteht also nicht aus überhöhtem Ehrgeiz, sondern aus dem Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen.

Welche langfristigen Folgen hat permanentes Mängeldenken für die Lebenszufriedenheit von Frauen?
Es erzeugt inneren Druck, ständige Selbstkritik, obwohl objektiv vieles gut läuft. Langfristig führt das zur inneren Unzufriedenheit. Leichtigkeit und Zufriedenheit lassen sich nicht im Außen finden – sie entstehen im Inneren. Fehlen freudvolle Momente und echte innere Verbundenheit, wird das Leben funktional, aber nicht erfüllt.

Sie sagen, Selbstwert sei trainierbar: Welche Fähigkeit müssen Frauen dafür zuerst wieder lernen?
Ich glaube nicht, dass Frauen etwas neu lernen müssen, denn alles Wesentliche ist bereits in ihnen. Selbstreflexion ermöglicht, sich selbst zu verstehen und sich mehr zu vertrauen. Darauf aufbauend beginnt Selbstwert mit der bewussten Auseinandersetzung mit den eigenen Werten: Was ist mir wirklich wichtig? Was macht mich aus? Wenn Frauen ihr Leben und Arbeiten konsequent an ihren Werten und Bedürfnissen ausrichten, verändert sich viel im Innen.

Welcher Perspektivwechsel hilft Frauen, von Selbstzweifel zu innerer Stabilität und Wirksamkeit zu kommen?
Weg von der Frage: „Bin ich gut genug?“, und hin zu: „Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe.“ Das dürfen Frauen üben und im eigenen Leben etablieren. Innere Stabilität entsteht nicht durch die eine große Sache, sondern durch viele kleine Schritte. Jede klare Grenze, jede bewusste Entscheidung stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Welche Verhaltensweisen im Berufsalltag verstärken das Selbstwert-Gap?
Erstens: ständig nett sein und inneren Ärger weglächeln. Zweitens: es allen recht machen zu wollen, um Konflikte zu vermeiden. Drittens: nicht zu laut, nicht zu schlau, nicht zu bunt zu sein – aus Angst, negativ aufzufallen. Durchbrechen lassen sich diese Muster, indem Frauen ein klares Ziel definieren: Wo will ich hin und was brauche ich, um dort anzukommen? Selbstwert entsteht, wenn Frauen beginnen, ihr Leben bewusst selbst zu gestalten, statt sich anzupassen.

Top 5 Schritte, um den Selbstwert zu stärken

  1. Selbstreflexion kultivieren
    Sich regelmäßig fragen: Was passt zu mir? Was nicht? Und warum?
  2. Eigene Werte definieren & leben
    Wissen, wofür man steht – und Entscheidungen danach ausrichten.
  3. Stolz auf sich selbst entwickeln
    Wahrnehmen, was man geschafft hat, statt sich kleinzureden.
  4. Bewusste Entscheidungen treffen
    Das eigene Leben aktiv gestalten, statt sich anzupassen oder abzu­warten.
  5. Freude & Verbundenheit zulassen
    Räume, Menschen und Tätigkeiten wählen, die stärken und lebendig machen.

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Die Autorin dieses Beitrags:

Redakteurin Yvonne Hölzl
© Marija Kanizaj 

Yvonne Hölzl, Redakteurin der STEIRERIN, ist verantwortlich für die Rubrik Style und Wohnen. Neben ihrer Kreativität beim Schreiben zeigt sie auch handwerkliches Geschick, wenn sie handgemachte Strickwerke zaubert. In ihrer Freizeit ist die Naturliebhaberin mit ihrem Windhund Toto oft im Wald anzutreffen.

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