Im Rhythmus des Winters
Die Salzburger Autorin Franziska Lipp lädt mit ihrem Buch „Lieber Winter!“ ein, mit ihr durch die kalte Jahreszeit zu spazieren: Von November bis Februar erwarten uns viele Besonderheiten und Ereignisse, die zum Nachdenken und Innehalten anregen.
(c) Jakob Lipp
Der Winter bringt uns Geschenke dar, die es sich lohnt, anzunehmen, um seine Zeitqualität zu erkennen: den ersten Schnee des Jahres, die blaue Stunde, mystische Bräuche des Advents, Weihnachten, die Raunächte, Silvester und das neue Jahr mit der Rückkehr des Lichts. Der Winter legt eine Pause ein und fordert uns auf, uns genau auf diese Ruhe einzulassen und bei uns selbst einzukehren.
Frau Lipp, in Ihrem Buch finden sich unter anderem Rituale und Anregungen für die Winterzeit, um Innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Warum tun sich viele Menschen genau mit diesem Rückzug schwer?
Franziska Lipp: Ich habe den Eindruck, dass viele von uns mit der Stille nicht mehr gut umgehen können: Sie wird oftmals eher als bedrückend, denn als bereichernd empfunden. Der Winter hat die Eigenschaft, dass er uns fast ein bisschen dazu nötigt, in den Rückzug zu gehen. Im Sommer ist viel los, es gibt jede Menge Ablenkung. Im Winter verändert sich die Natur, es wird früher dunkel, es ist kälter, es schneit. Die Zeit bis Weihnachten vertragen wir noch sehr gut. Aber danach tun sich viele Menschen schwer mit dem Winter und viele hätten den Winter nach Neujahr gerne vorbei. Der Rückzug fällt vielen schwer, da man verstärkt mit sich selbst und seinen Stimmungen konfrontiert ist. Die sozialen Medien gaukeln uns zusätzlich eine heile Welt vor, vor allem rund um Weihnachten. Wir lassen uns nur allzu leicht von dieser Harmonie täuschen, obwohl wir selbst vielleicht sogar eher Trauer oder Sehnsüchte verspüren. Diese Konfrontation erfordert Mut.
Die Natur ist unsere beste Lehrmeisterin und zeigt sehr schön, dass wir alle in Zyklen leben.
Franziska Lipp
Warum ist Rückzug so wichtig?
Die Natur ist unsere beste Lehrmeisterin und zeigt sehr schön, dass wir alle in Zyklen leben. Diese Zyklen beinhalten, dass Blumen im Frühling erblühen und im Winter alles in eine Ruhephase geht, um sich im neuen Jahr wieder zu entwickeln. Wir leben in einer sehr privilegierten Welt, in der die meisten von uns der Kälte nicht mehr ausgesetzt sind. Deswegen ist mein Buch eine Aufforderung, um im Winter dem Naturzyklus zu folgen und ebenfalls in den Rückzug zu gehen. Wir haben alle die Sehnsucht nach Ruhe und Langsamkeit. Die Sehnsucht, die Welt wieder richtig zu spüren. Durch den bewussten Rückzug bekommt man mehr Tiefe und Gelassenheit sowie Vertrauen ins Leben. Der Winter ist eine wunderbare Metapher dafür, dass es im Leben Phasen gibt, in denen es kälter und frostiger ist. Aber darauf zu vertrauen, dass nach jedem Winter wieder ein Frühling kommt, in dem alles wieder zu wachsen beginnt, ist ein wunderbares Gefühl. Durch die Besinnung auf uns selbst können wir innerlich stärker werden.
Wem würden Sie das Buch empfehlen?
Vor allem denen, die den Winter nicht so gern haben und sich mit den Wintermonaten schwerer tun. Ich möchte die Leser:innen an die Hand nehmen und sie mit meinen Anregungen durch den Winter begleiten. Mein Buch soll dazu beitragen, auch die schönen Seiten der kalten Jahreszeit zu erkennen.
Sie sind in Salzburg aufgewachsen. Wie sehr hat Sie Ihre Heimat geprägt? Welche Rituale mögen Sie am Liebsten?
Unser alpenländisches Brauchtum hat mich schon sehr geprägt. Für mich ist zum Beispiel Allerheiligen eine schöne Tradition. Das Zusammenkommen mit Menschen, das Gedenken an eine verstorbene Person – das finde ich sehr tröstlich. Ich mag die Raunächte gerne und räuchere auch regelmäßig. Für mich sind all diese Traditionen sehr wichtig. Bei uns daheim wurden sie schon gelebt und ich führe sie weiter.
In wenigen Wochen ist Weihnachten. Mit welchem Weihnachtsgeschenk könnte man Ihnen die größte Freude machen?
Viele Dinge nehmen wir als gegeben hin. Es ist aber tatsächlich ein großes Glück, wenn man gesund ist. Ich würde mir wünschen, dass Menschen und Tiere, die mir nahe sind, gesund bleiben. Und, dass wir uns alle gegenseitig nicht so bewerten und viele Dinge wertfreier betrachten. Jede Situation, auch wenn ich sie im Moment nicht verstehe, hat am Ende einen Sinn gehabt.
MEHR ÜBER DIE AUTORIN DIESES BEITRAGS

Elisabeth Trauner ist Redakteurin von Unser SALZBURG und mit Stift, Block und Herz immer zur Stelle, wenn Menschen spannende Geschichten zu erzählen haben. Sie hört gerne Podcasts, braucht Krimis und True Crime-Dokus zum Einschlafen und probiert gerne Kochrezepte aus, die aber meistens komplett schief gehen.
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